agata góralczyk : texte

Kindertagesstätten – Woher? Teil II

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“
Sokrates

Die Mühsal der Kindererziehung dürfte sich in den letzten 100.000 Jahren nicht groß geändert haben und auch Klein-Pebbles wird zuweilen eine ziemliche Nervensäge gewesen sein.
Sokrates‘ Zitat klingt auf ewig zeitgemäß. Kinderbetreuung ist zeitlich aufwändig, verbraucht sehr viele materielle Ressourcen und fordert uns auf ganzer Linie.

Im ersten Teil der Serie über Kinderbetreuung habe ich erläutert, warum überhaupt die grundlegende Notwendigkeit besteht, den menschlichen Nachwuchs zu betreuen und welche evolutionsbiologischen Entwicklungen dem zugrunde liegen.
Weiter geht es mit der Frage: Welche Auswirkungen hat die physiologische Frühgeburt über verschiedene soziale und kulturelle Entwicklungen auf die Kinderbetreuung?

Hilflose Würmchen

Jeder, der schon einmal ein Neugeborenes in den Armen gehalten hat, wird es bestätigen können: Völlig unselbständig kommen wir zur Welt. Halb blind, orientierungslos, nicht einmal unser überdimensioniertes Köpfchen können wir halten. Kurzum: Wir sind absolut hilflos.

Ein alleingelassenes menschliches Neugeborenes hat keine Überlebenschancen. Es muss in den ersten Wochen permanent, in den ersten Monaten ständig und in den weiteren Jahren mit viel Aufwand versorgt und betreut werden.

Eine Hominidenmutter, die eines oder mehrere dieser hilflosen Wesen versorgen und beschützen und gleichzeitig sich um ihr eigenes Leben kümmern musste, war mehr als ausgelastet. Wäre sie alleine geblieben, wären das Überleben von Mutter und Kind und damit irgendwann der Fortbestand der Spezies recht aussichtslos gewesen. Sie brauchte also einen verlässlichen Partner und ein funktionierendes soziales Netz. Die von den Großaffen verfolgten Strategien der Partnerwahl oder Gruppenbildung – wie die Vielweiberei der Gorillas oder die Polygamie der Schimpansen – waren hier nicht mehr ausreichend. Unter dem Selektionsdruck entstanden neue Formen des Zusammenlebens.

Auf diese Weise führte die Hilflosigkeit unseres neugeborenen Würmchens zu maßgeblichen Veränderungen der sozialen und sexuellen Gruppendynamik und hatte damit weitreichende Folgen für die Weiterentwicklung der Hominiden.

Jäger und Sammler

Können bestimmte Personengruppen zum Überleben notwendigen Tätigkeiten – wie z.B. Nahrungsbeschaffung – nicht oder im nicht ausreichenden Maße nachgehen, da ihre Ressourcen z.B. bei der Nachwuchspflege gebunden sind, so müssen andere Gruppenmitglieder diese Tätigkeiten für sie übernehmen.

So kommt es zur ersten Arbeitsteilung: Säugende und schwangere Frauen, Kinder, Kranke oder Alte sammeln pflanzliche Nahrung. Alle anderen Gruppenmitglieder gehen auf die Jagd nach Tieren. Da die Kinder zwangsläufig bei den Sammlern bleiben, werden sie auch hier betreut und erzogen. Dies ist die erste Institution der Kinderbetreuung.

Arbeitsteilung bewirkt immer auch neue Abhängigkeiten: Ein weiterer Beitrag zur Veränderung der sozialen Dynamik in den Hominidengruppen. Der moderne Mensch, der am Ende dieser Reise entstehen wird, wird damit ein durch und durch soziales Wesen.

Der geschickte Mensch

Während also die sozialen Strukturen im Laufe der Zeit immer komplexer werden, entwickeln die Hominiden (homo habilis und homo erectus) erste Formen von Kultur. Das Wekrzeugaufkommen steigt immens. Es entstehen neue Kommunikationsformen, Erklärungsmuster und Überlieferungen und damit weitere Spezialisierungen. All diese Errungenschaften, die sich nicht mehr über die Gene tradieren lassen, müssen in anderer Art an die folgenden Generationen weiter gegeben werden, denn schließlich hängt davon das Überleben der folgenden Generationen ab.

Die Betreuung von Kindern wird im weiteren Lauf der Geschichte mit immer steigernder Spezialisierung und Arbeitsteilung innerhalb der Gruppen immer mehr auch spezialisierten Kräften anvertraut. Spätestens mit der Sesshaftwerdung entsteht der Bedarf für Ammen, Kindermädchen und Lehrer. Das zugrunde liegende System ist immer das gleiche:

Mit der Sesshaftwerdung und der damit einhergehenden Explosion der Arbeitsteilung kommt es zu einer weiteren einschneidenden Entwicklung: der sozialen Differenzierung. Erziehung und Lernen sollen dem Nachwuchs nicht nur zum Überleben verhelfen, sondern erhalten eine völlig neue Dimension.

Der moderne Affe

Der Anspruch des modernen Affen an heutige Kinderbetreuung geht weit über die Frage der Überlebensfähigkeit hinaus. Ganze Wissenschaften widmen sich der Erziehung und immer wieder wird diese auch zu einem politisch heißen Eisen.

In den nächsten Tagen will ich diese neuen Anforderungen an die Erziehung weiter verfolgen und den Weg von der Sesshaftigkeit bis zur Entwicklung der modernen Kindertagesstätte darlegen.
Flickr Foto drscooby34

Warum wohl ist die Kinderbetreuung ein immerwährend heiß diskutiertes Thema?



6 Antworten zu “Kindertagesstätten – Woher? Teil II”

  1. -jha- sagt:

    Und da die Kinderbetreung ja kostenlos sein soll (so wird’s immer wieder auf’s Neue versprochen) , werden die Erzieher und Erzieherinnen auch sinnvollerweise nicht bezahlt. Wäre ja noch schöner, wenn es für „Auf dem Spielteppich hocken“ Geld geben würde.

  2. -jha- sagt:

    Oh, ich erfahre gerade, die werden bezahlt… aber jedes Jahr gibt es neue Verträge, bei denen es weniger Geld gibt. Das wird vermutlich die Entschädigung für die inzwischen fünfjährige Ausbildung sein.

    Einerseits die Forderung, Erzieherinnen sollten zukünftig möglichst einen Diplomabschluss haben, andererseits Stilllegung von Horten zu Gunsten von „Offenen Ganztagsschulen“ bei denen die Nachmittagsbetreuung von freiwilligen Müttern, Hausmeistern und anderen Hilfskräften geleistet wird.

  3. […] Der moderne Affe 60 Meter Adrenalin Kindertagesstätten – Woher? Teil II […]

  4. […] In den ersten beiden Teilen der Serie zur Entwicklung der Kinderbetreuung im Laufe der Zeit habe ich den Bogen von den evolutionsbiologischen Veränderungen der Hominiden bis zur ersten Sesshaftigkeit gespannt. […]

  5. […] Teil 2 der Serie befasst sich mit den Folgen der physiologischen Frühgeburt auf die Bildung erster hominider Gesellschaften bis zur Sesshaftwerdung. […]

Kommentar verfassen

noch mehr: rss | email | twitter