agata góralczyk : texte

Mordversuch mit Einkaufswagen – warum ich das Strafmaß für unangemessen halte – Teil 4

„Die Strafe, die züchtigt ohne zu verhüten, heißt Rache.“
unbekannt

Den Fall der vier jungen Frauen, die Einkaufswagen und Feuerlöscher aus einem Hochhaus warfen, hatte ich euch schon vorletzte Woche vorgestellt. Mich haben sowohl Tat als auch Strafmaß irritiert. Deshalb habe ich eine Artikelserie hierzu gestartet:

  1. Der Sachstand
  2. Die Physik dahinter
  3. Gerechtigkeit und Recht

Die vorhergehenden Fragen haben die Sachlage aus verschiedenen Winkeln beleuchtet. Heute wird das Strafmaß genauer beleuchtet.

Sinn und Zweck von Strafen

Eine Haftstrafe greift massiv in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen ein und schränkt das grundlegende Recht auf Selbstbestimmung ein. Ein Inhaftierter kann seine Angelegenheiten nicht frei und ohne Einmischung von anderen regeln.
Die von der Rechtsprechung verhängten Strafen müssen also gerechtfertigt sein und eine der folgenden Funktionen erfüllen:

  1. Kompensation durch Vergeltung
  2. Prävention durch Abschreckung
  3. Erziehung zum Zweck der Resozialisierung
  4. Durchsetzung sozialer oder politischer Zwecke

Die Strafe soll dann wiederum doch so etwas wie Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Die Täterinnen haben die festgelegten Regeln der Gesellschaft gebrochen. Dafür sollen sie bestraft werden.
Grundsätzlich geht man hier aber davon aus, dass der Täter aus freiem Willen handelt und sich möglicher Konsequenzen seiner Taten bewusst ist oder zumindest bewusst sein könnte.

Hier liegt das erste Problem: Aufgrund der psychologischen Gutachten, kann man davon ausgehen, dass den jungen Frauen die Konsequenzen ihrer Taten nicht bewusst waren. Schließlich wird dort von „geringer Reife und geistigen Defiziten“ gesprochen.

Dass sie etwas Verbotenes taten, war ihnen klar. Dass sie aber jemanden töten könnten, eher weniger. Dass man dafür ins Gefängnis gehen kann, sicherlich nicht.

Zweckmäßigkeit von Strafen

Die jungen Frauen haben das Leben der Feuerwehrleute und des Nachbarn in Gefahr gebracht. Die herabfallenden Einkaufswagen und Feuerlöscher hatten beim Aufprall genug Wucht, einen Menschen zu töten.

Der Gerechtigkeit halber steht den Gefährdeten also irgendeine Art von Wiedergutmachung zu. Ob die Haftstrafen von den Geschädigten als solche wahrgenommen werden, kann hier nicht entschieden werden. Hierzu müssten sich die Feuerwehrleute und der Nachbar äußern.

Die Täterinnen haben auch eindeutige Regeln der Gesellschaft gebrochen. Hier greifen die Gesetze des Rechtsstaates, so dass die jungen Frauen für diesen Regelbruch nach geltendem Recht bestraft werden.

Die jungen Frauen haben aus freiem Willen gehandelt. Eine von ihnen hat die anderen vor den Taten gewarnt und auf mögliche Gefahren hingewiesen. Dies hat das Gericht bei der Urteilsfindung mit berücksichtigt. Die Fähigkeit der Täterinnen die Konsequenzen ihrer Taten angemessen zu beurteilen darf allerdings aufgrund der Aussagen der psychologischen Gutachter angezweifelt werden.

Bleibt also die Frage, welchem Zweck die Urteile gedient haben könnten:

Verhältnismäßigkeit des Strafmaßes

Der moderne Mensch ist durch und durch ein Gesellschaftstier. Zahlreiche Regeln, die auf gesellschaftlichen Normen basieren, sichern unser Zusammenleben ab. Wie eine Übertretung dieser Regeln zu ahnden ist, ist auch immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Ob das verhängte Strafmaß irgendeinen positiven Nutzen für die schon am Rande der Gesellschaft lebenden jugendlichen Täterinnen haben wird, zweifle ich stark an.

Wenn vier junge Menschen die Konsequenzen einer Tat, wie dieser, nicht abschätzen können, dann wird ihnen eine mehrjährige Haftstrafe auch nicht dazu verhelfen, ihr Einschätzungsvermögen zu verbessern. Diese vier Frauen weisen schon ganz klar Probleme mit dem Umgang mit Normen der menschlichen Gesellschaft auf. Im Gefängnis werden sie höchstens die Normen der Parallelgesellschaft von Inhaftierten lernen.

Das ist nicht nur völlig kontraproduktiv im Hinblick auf die Entwicklung der Täterinnen. Das kostet die Gesellschaft zudem jede Menge Geld. Eine Fehlinvestition.

Flickr Foto dierk schaefer

Was haltet ihr von dem Strafmaß? Haltet ihr es für gerecht oder angemessen?



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