agata góralczyk : texte

Pan Samochodzik und die Rassenkunde

Zu Weihnachten habe ich einen weiteren Band für meine Buchsammlung Pan Samochodzik i … erhalten: Wyspa Złoczyńców (frei übersetzt Die Schurkeninsel).

Mr. Automobil

„Pan Samochodzik i …“ (frei übersetzt Mr. Automobil) ist eine polnische Jugendbuchserie, deren Titelfigur Herr Tomasz N.N. als Kunsthistoriker und Detektiv historische Rätsel löst und verloren geglaubte Schätze birgt. Dabei steht ihm ein seltsames Amphibienfahrzeug – daher der Spitzname – zur Verfügung. Immer wieder wird er von Jugendlichen bei seinen Abenteuern unterstützt.

Der gelesene Band wurde 1964 das erste Mal veröffentlicht. Neben der üblichen Abenteuergeschichte, die mir wie üblich sehr viel Freude bereitete – Wilderer, Mörder, Schätze, Banditen – verfolgt die Handlung auch einige anthropologische Ausgrabungen. Die junge Anthropolgiestudentin lässt sich dabei gerne und ausführlich zu ihrem Lieblingsfachgebiet, der Rassenkunde, aus.

Rassenkunde

Beim ersten Lesen – 2010 – des Wortes Rassenkunde kräuseln sich bei mir die Nackenhaare. Nazi-Propaganda, Kopfvermessungen, pseudowissenschaftliche Abhandlungen, blonde Arier, Judenverfolgung, Massenhinrichtungen, KZs, Gaskammern…

Das kann es nicht sein! Meine Lieblingsserie befasst sich mit einem so abstoßenden Thema? Wenn ich nur darüber nachdenke, wird mir schlecht.

Die Erwähnung von menschlichen Rassen ist zunächst nebensächlich, ein Interessensgebiet einer der Figuren. In der Hoffnung auf einen „kleinen“ Faux-Pas lese ich weiter.

Das Thema wird bald umfangreicher ausgeführt: die weiße, gelbe und schwarze menschliche Rasse, Unterrassen, Phänotypen. Dann ein erster Hoffnungsschimmer am Gewissenshorizont: Die Wissenschaftlerin grenzt Rassenkunde und Rassismus voneinander ab.

Das Wissen um die Ähnlichkeiten und Unterschiede der menschlichen Rassen sei notwendig, um Propaganda enttarnen zu können. Die Nazis hätten ihre schrecklichen Verbrechen damit begründet, aufgrund einer Haar- oder Augenfarbe besser zu sein als andere Menschen. Das hätte nichts mit der Rassenkunde der Wissenschaft zu tun, sondern sei Rassismus. Darüberhinaus sei die Rassendurchmischung so hoch, dass es kaum noch reinrassige Vertreter gäbe. Schließlich sind wir alle Vertreter der Gattung homo sapiens.

Homo sapiens

Weiter geht es mit der Abstammung des Menschen. Die Faktenlage ist hier gnadenlos veraltet, aber das ist wahrscheinlich der Wissensstand von 1964.

Das Thema Rassenkunde taucht immer wieder im Buch auf, und sorgt bei mir für Magenschmerzen. Zum Schluss betrachte ich es als eine Verirrung des Autors, ohne dass ich ihm eine rassistische Absicht unterstelle. Ein unangenehmer Nachgeschmack, der mein Leseerlebnis trübt, bleibt.

Wikipedia

Das Thema lässt mich nicht los. Was sagt das Web des Wissens dazu?

Der deutsche Artikel zur Rassenkunde fasst als erstes:

Rassentheorien (auch Rassenkunde oder Rassenlehre) sind heute überholte Theorien, die die Menschheit in verschiedene „Rassen“ einteilten.

Der Artikel  geht direkt auf den implizierten Rassismus ein und führt Ergebnisse genetischer Untersuchungen an, die seit den 1990er Jahren eine Rassentheorie widerlegen. Die genetische Varianz ist innerhalb der Population zu gering, um nach taxonomischen Kriterien von Rassen sprechen zu können.

Rasse sei – nach Craig Venter – ein soziales Konstrukt – mehr Ausdruck sozialer Zuordnungen als ein Spiegelbild biologischer Unterschiede.

Der englische Artikel fängt nüchterner an:

The term race or racial group usually refers to the categorization of humans…

Der Begriff variiert je nach Kultur und Zeit und ist oft aus wissenschaftlichen, sozialen und politischen Gründen kontrovers. Auch hier wird die Unhaltbarkeit des Begriffes im biologischen Sinne aus oben genannten Gründen dargelegt. Allerdings wird auch darauf eingegangen, dass es sich dabei um ein nützliches wissenschaftliches Konzept handeln könnte, dass aus Angst vor Rassismus abgelehnt wird.

Im polnischen Artikel ist das ganze Thema kontroverser:

Rasa człowieka – termin, który zwykle odnosi się do kategoryzacji populacji ludzkich na grupy w zależności od cech dziedzicznych.

Sinngemäß: Ein Begriff, der sich mit der Einteilung menschlicher Populationen in Gruppen aufgrund von erblichen Eigenschaften befasst.

Nach der Aufstellung der traditionellen Einteilung der menschlichen Rassen wird auf die Kontroverse des Begriffes eingegangen.

Statistik

1985 haben von 1200 befragten US-Anthropologen

den Begriff Rasse abgelehnt.

1999 waren es

Eine ähnliche Befragung 2001 in Polen ergab 21% Anthropologen, die den Begriff ablehnten.

Schon 1964 gehörte dieses Thema nicht in ein Abenteuerbuch für Jugendliche. 2001 hätte ich ein anders Ergebnis erwartet…

Wenn der Begriff biologisch/populationsgenetisch nicht haltbar und soziologisch so unfassbar belastet ist, warum hält noch jemand daran fest?



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