agata góralczyk : texte

Gott im Flugzeug

Ich saß im Flugzeug auf dem Weg zurück aus Breslau. Neben mir saßen zwei ältere Leute, ein älteres Ehepaar – auch Polen. Sehr zurückgezogene Menschen. Ganz gepflegt. Die ältere Dame fein frisiert. Der Herr im stilvollen Anzug. Leise und für sich.

Das Flugzeug rollte auf die Startbahn. Ich hörte wie die Turbinen angingen. Die Securityvorführung war schon durch. Ich guckte mich aufgeregt um…
…und sah, wie die Leute rechts neben mir die Hände falteten.

Mein Blick blieb stehen: Die fingen an zu beten.


Ja. Sie falten die Hände. Die Dame bekreuzigt sich soeben. Der ältere Herr wirkt ein wenig verkrampft. Und jetzt bewegen sie die Lippen stumm vor sich hin. Sie vertrauen.

In dem Moment musste ich an meine Freundin Madame denken. An ihre Flugangst und an Tavor.

Madame hat ganz furchtbare Flugangst. Und immer ne Tavor dabei. Für genau solche Fälle. Und wenn’s schlimm wird, nimmt sie die auch. Und dann hab ich mir gedacht: Wow. Die beiden nehmen jetzt auch im Prinzip eine Pille gegen ihre Flugangst. Nur macht die was ganz anderes als Tavor.

Die Tavor, die benebelt. Wenn du ne Tavor* nimmst: Du merkst gar nicht, dass Du Angst hast. Das ist der Punkt: Das Alles dringt nicht so wirklich zu Dir durch. Danach – also nach dem Flug – bist Du zwar auch noch benebelt und kriegst auch sonst nicht viel mit. Aber Du merkst halt auch nicht, dass Du Angst hast.

*Info vom echten Doc: Das ist ein sehr stark angstlösendes Medikament.

Diese alten Leute. Die da gebetet haben. Die haben was ganz anderes gemacht.

Die haben ein Medikament genommen, was ihnen hilft, diese Angst zu überwinden. Nicht so sehr sie wegzublenden. Ein Medikament, das ihnen hilft, mit dieser Angst in Verbindung zu treten. Und sie vor allem woanders hin zu bewegen. Nicht alleine mit ihr zu sein. Sie irgendwie in ihr Leben zu bringen. Sie zu erfahren. Aber auch nicht damit allein gelassen zu sein.

Zu Hause habe ich dann mit Mr. T.* gesprochen. Mr. T. sagte:

*Mr T. ist ein echter Pschykologe und kennt sich aus.

Solche Panikgeschichten – Flugangst – das ist Kontrollverlust.

Wir können das Um-Uns-Herum nicht kontrollieren. Wir wissen nicht, was passiert. Wir sitzen nicht am Steuerknüppel. Da vorne sitzt irgendjemand, den wir nicht einmal sehen. Wir hören nur manchmal so ’ne komische Stimme aus ’nem Lautsprecher. Wir haben gar keine Kontrolle über das was mit uns passiert. Und das macht uns Angst.

Die betenden Leute neben mir rechts, die haben beschlossen, ihre Kontrolle abzugeben.

An eine Macht, an die sie glauben. Die haben etwas in ihrem Leben, dem sie immer vertrauen können. Das ihnen immer Sicherheit bietet. Und sie übertragen ihre Kontrolle an jemanden oder etwas, auf das sie sich verlassen können. 100prozentig. Auf jeden Fall.

Genial einfach, oder? Die müssen nicht alles in ihrem Leben kontrollieren. Die können auch mal was in andere Hände geben. Verantwortung. Die müssen nicht alles selbst halten. Das ist so viel Frieden.

Und dann hab‘ ich mir überlegt:

Was bedeutet das, nicht zu glauben?

Wie sehr schränke ich mich in meinen Möglichkeiten ein, wenn ich Glauben gänzlich aus meinem Leben streiche?

Ja, dann hätte ich diese Option, Kontrolle abzugeben, gar nicht. Jemandem, dem ich 100prozentig vertraue, die Kontrolle zu übergeben. Ich müsste mit Angst und Kontrolle alleine klar kommen.

Das kann das menschenmögliche auch übersteigen.

Ich hätte nicht diese Möglichkeit, Angst aufzulösen. Ich müsste die Kontrolle entweder wieder irgendwie gewinnen. Oder die Angst wegblenden. Oder Panik haben.

Nicht so einfach.

Wenn ich so eine Möglichkeit ausblende, so einen genzen Bereich. Dann blende ich einen Teil meines (des) Lebens aus. Den Teil kann ich dann nicht erleben. Den kann ich nicht wahrnehmen. An dem kann ich nicht teilhaben. Daran kann ich nicht glücklich sein.

Und das bedeutet auch, dass ich es mir schwer mache, in dem Flugzeug glücklich zu sein. Wenn mich die Angst befällt.

Denn am Fliegen gibt es auch viel Schönes. Das kann ich dann aber in dem Moment von Kontrollverlust und Angst nicht genießen. Vor allem dann nicht, wenn ich ne Tavor genommen habe.

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