agata góralczyk : texte

Nur anfassen, nicht gucken

Ich steige von Augen auf Hände um und entwickle eine Fensterbeziehung.

Ich stolperte gerade mit meinen Kaffeebecher in der Hand auf den Marburger Marktplatz. Da hatte Doc Hase schon ein 3-D-Modell des Platzes ausfindig gemacht.

Ihr wisst schon. Diese aus Bronze* gegossenen 3-D-Modelle. Die eigentlich für Blinde oder Sehbehinderte gedacht sind. Mit Blindenschrift und Allem.

*Das musste ich erstmal nachschlagen…

Ich liebe diese Dinger. Bin sofort an das Modell. Habe meine Augen zugemacht und den Marktplatz mit den Gebäuden drumherum betastet. Habe mir vieeeel Zeit gelassen.

Ich konnte die großen Flächen der Dächer spüren. Ich habe versucht Unterschiede zu finden. Ich habe versucht zu begreifen, was das, was ich da erspüre, in der Wirklichkeit bedeutet. Und musste feststellen, dass ich Haptik überhaupt gar nicht so richtig in meinem Kopf umsetzen kann.

Ich muss richtig nachdenken.

Also: Diese großen Flächen drauf: Das sind große Dächer. Das bedeutet auch große Häuser.

Dann zwischen den Häusern die Lücken – manchmal sind sie ganz-ganz dünn, manchmal sind sie breiter. Das heißt wohl: Die Häuser stehen enger zusammen oder weiter. Also sind die Straßen enger oder weiter.

Hier ist zwischen zwei Häusern so eine schmale Lücke. Sie geht aber nicht ganz durch. An einer Stelle nicht. Dann ist da wohl eine Verbindung: Vielleicht zwei Türmchen oder ein Bogen oder sowas.

Den Platz kann ich auch ertasten, seine Größe. Ich versuche mir diese Größe als gesehenes Bild vorzustellen.

Von der Haptik ins sehende Auge. Es gelingt bloß nicht.

Auf vielen der Dächer sind kleine Nüppelchen: Schornsteine vielleicht.

Ich taste an den Häusern entlang: Sehr elaborierte Fenster. Häuser mit sehr vielen Fenstern. Ich kann das an der Seitenfläche erkennen, die sich wölbt und eingräbt. Ich weiß, dass es Fachwerkhäuser sind: Ich wundere mich, wie reich die Stadt gewesen sein muss. Dass man sich damals so große Fenster leisten konnte…

Als ich irgendwann später wieder auf dem Marktplatz bin, schaue ich diesmal das Rathaus wirklich an: Auf dem Dach sind kleine Erkerfensterchen. Ganz, ganz viele kleine Erkerfensterchen.

Auf einmal passiert etwas ganz Ungewöhnliches.

Etwas ganz Seltsames: Ich kenne diese Fenster.

Ich hatte sie bisher noch nie gesehen, diese Fenster. Mir das Rathausdach noch nie angeschaut. Ich habe sie vorher aber ertastet. Diese kleinen Knubbel auf den Dächern, die ich zunächst für Schornsteine hielt.

Und dennoch: Ich erkenne sie wieder. Sie sind mir bekannt.

Als wäre ich schonmal in dem Gebäude gewesen. Als hätte ich schonmal aus diesen Erkerfenstern geschaut. Als hätte ich den Fensterrahmen schonmal berührt. Als hätte ich das Fenster schonmal geöffnet.

Normalerweise nehme ich zuerst alles visuell wahr.

Und durch diese Veränderung in der Reihenfolge der Reizaufnahme hat sich meine Beziehung zu diesem Objekt komplett verändert. In dem Moment, in dem ich die Fenster sah, erkannte ich sie wieder: Auf einem Erlebnislevel, das maßgeblich über das Sehen hinausging.

Ich spüre eine Erinnerung. Ich spüre Verbundenheit.

Ich spürte, dass ich es schon kannte, dass es nicht neu ist. Und diese Verbundenheit war wesentlich intensiver, als wenn ich’s nur gesehen hätte. Es war, als hätte ich es schon mal erlebt.

Hoppla, was war das denn?

Meine Beziehung zu einem Fenster hatte sich geändert? Zu einem Fenster?

Ich habe also eine Beziehung zu einem Erkerfenster?

(Ja. Der Gaga-Faktor hier ist recht hoch…)

Wenn ich eine Beziehung zu einem Fenster habe, und diese sich durch diesen Wechsel total verändert in ihrer Bedeutung, was bedeutet das für meine anderen Beziehungen?

Wie nehme ich denn meinen Mann wahr? Sehe ich ihn immer nur mit meinen Augen? Was ist, wenn ich das Muster verändere? Was ist, wenn ich ihn zunächst anders erlebe? Was ist wenn ich mich darauf konzentriere, ihn zuerst nur zu berühren? Oder zu hören? Wenn ich zuerst meine Hände oder mein Hören benutze, um mit ihm in Beziehung zu treten?*

*Und nein, damit meine ich nicht, dass ich meinen Mann nie berühren oder ihm nie zuhören würde…

Meine Güte, wie würde sich dann meine Beziehung zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben verändern?

Beziehung sind irgendwann mal eingeschleift. Vor allem nach so vielen Jahren. Ein Muster bildet sich aus. Wenn ich das Muster verändere: Was würde dann mit dieser Beziehung passieren? Ein anderes Erleben von Verbundenheit? Von wieder erkennen?

Wenn es schon bei einem einfachen, kleinen Erkerfenster auf einem Rathausplatz irgendwo in Hessen funktioniert.

Was bedeutet das dann für die wirklich wichtigen Beziehungen in unserem Leben?

Zu anderen Mitmenschen. Zu Menschen denen wir vielleicht gerade begegnen. Bestimmt haben wir – genau wie bei diesen Fenstern – einen Standardmodus mit dem wir anderen Menschen begegnen. Dass wir sie vielleicht als erstes kurz anschauen. Ihre Kleidung begutachten. Ihr Auftreten. Ihr Verhalten.
Und schon haben wir ein Muster gefunden. Eines, nach dem wir dann unser Verhalten auswählen.

Was ist wenn wir das Muster ändern?

Wenn wir einen „Switch“ machen. Dass wir uns vielleicht erstmal darauf konzentrieren, zuzuhören. Oder uns darauf konzentrieren, jemanden wirklich nur anzuschauen.

Vielleicht verändert sich dann das Gefühl, jemanden zu kennen. Vielleicht verändert sich dann die Bedeutung dieses Menschen in unserer Wahrnehmung.

Was ist mit Menschen oder Dingen die wir absolut nicht leiden können?

Kann es sein, dass das meiste davon einfach nur ein Wahrnehmungsmuster ist? Kann es sein, dass wir vielleicht eine völlig andere Beziehung zu einem anderen Menschen, einen Gedanken, einen Ding aufbauen können? Indem wir das Wahrnehmungsmuster mal kurz veränderen?

Macht das Veränderung aus? Das wir anders wahrnehmen?

Veränderungspraxis für heute

Hattest Du auch schon mal so ein Erlebnis? Eines, bei dem sich Deine Wahrnehmung für die Dinge völlig geändert hat? Bei dem Du auf einmal eine andere Beziehung hattest?

Was ist mit den nächsten Beziehungen um dich herum? Freunde, Familie, Partner, Kollegen? Schaust Du die alle immer mit dem gleichen, eingefahrenen Muster an? Was würde denn passieren, wenn Du auf einmal das Muster änderst? Was ist, wenn Du auf ein Mal versuchst einen Kollegen mit einem ganz anderen Sinn wahrzunehmen?

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4 Antworten zu “Nur anfassen, nicht gucken”

  1. Mr. T sagt:

    Hallo liebe Aga.
    Deine synästhetische Wahrnehmung hat Dir zu einer ganz besonderen Wahrnehmungsqualität verholfen. Beim Lesen des Textes wünschte ich mir spontan mehr solcher haptischen Landkarten. Und um den Gaga-Faktor zu erhöhen: … und Reinigungsfachkräfte, welche diese häufig putzen!
    Es gibt kulturelle Riten, wo sich Menschen im Gesprächsverlauf in Abhängigkeit vom (v.a. emotionalen) Inhalt berühren. Bei uns ist es ja so, dass wir uns zur Begrüßung und zum Abschied berühren/ küssen und bestenfalls auf eine liebevolle Provokation mit einem Klaps antworten. Andere Kulturen [die Quelle muß ich bedauerlicherweise schuldig bleiben; klarer Fall von „ich hab‘ da mal einen Artikel gelesen…“] halten sich bei den Händen oder Unterarmen und drücken so Anteilnahme, ungeteilte Aufmerksamkeit, Mitgefühl oder aber auch Widerspruch haptisch aus. In der Gedächtnisbildung wird dies im limbischen System mit dem Gesprächsinhalt zusammen abgespeichert. Das Tolle: durch diese Berührung wird der emotionale Zustand später wieder abrufbar und in folgenden Gesprächen verstärkt. Die heutige Psychotherapie nutzt dies bisher nur sehr kärglich und leitet Interessierte an, positive Gefühle und Situationen mittels einer spezifischen Geste zu „ankern“.
    Die Haptik unserer gegenseitigen Erfahrung und der Erfahrung unserer Umwelt wieder hinzuzufügen ist mit Sicherheit eine sehr intime und intensive Erfahrung und Bereicherung. Allerdings für viele vermutlich zu intim und intensiv. Du, liebe Agata, kannst ja mit Doc Hase beginnen.

    • agata sagt:

      Oh, Mann, Mr. T.!
      Das ist verdammt gut! Und auf meinen Notizzettel kommt: Reisen in Länder, wo sich Leute mehr anfassen. Das nenn mich ich mal ne Herausforderung.
      Interessanterweise fällt mir dabei ein, dass in Polen die Leichnahme der Verstorbenen in der Zeit zwischen Tod und Beerdigung aufgebahrt werden. Man darf und soll die natürlich auch anfassen, um Abschied zu nehmen (die Hand halten, streicheln, die Stirn befühlen, küssen, etc.).
      Das macht den ganzen Prozess zwar auch intensiver – Verankerung! – aber auch echter. Der Zugriff auf die eigenen Gefühle ist direkter: Ich spüre die Trauer intesivst, sie kommt hoch, ich muss weinen.
      Vor allem aber: Ich kann “mit allen Sinnen” Abschied nehmen. Ich kann nochmal die Hand halten, etwas zu der “Person” sagen, ihr meine Gefühle zeigen.
      Und damit gelingt der Abschied nicht nur kognitiv sondern vor allem auch emotional. Ich fühle in mir, dass meine Oma von mir gegangen ist. Ich sage Auf Wiedersehn. Ich kann sie gehen lassen.

  2. Börni sagt:

    Das hast du gut gemacht. Gibts auch ne passende Ausstellung zu: http://www.dialog-im-dunkeln.de

    Dein Mann wirst du sicherlich schon mit allen Sinnen ausreichend erlebt haben. Aber wer weiß, ob ihr jetzt verheiratet wäret, wenn du ihn zuerst nur gerochen hättest…;)

    • agata sagt:

      Was für ein Glück, dass wir erst in der Oberstufe gemeinsamen Sport und getrennte Umkleiden hatten!

      Von diesen Führungen durch Blinde hatte ich schonmal irgendwo gelesen, aber dass es das auch in Hamburg gibt, wusste ich nicht. Muss da mal dringend hin!

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