agata góralczyk : texte

Meine Angst, der schwarze Ritter*

*Die Idee hab ich von Havi.
Bild vom schwarzen Ritter als Strickfigur
 

Ich wälze mich auf dem Boden, winsle und rede mit einem schwarzen Ritter.

Meine Angst, die mich zu einem Krüppel macht. Die mich dazu bringt, auf dem Boden zu liegen und zu winseln.

Meine Angst ist ein schwarzer Ritter. Hinter ihm ragt bis in den Himmel hinauf ein dusterer, feuerspeiender Vulkan. Ein böser, furchterregender Drache macht sich hinter dem Ritter zum Sprung bereit.

Dahinter tiefste Schwärze

Ein großer, mächtiger, schwarzer, in vollem Stahl gekleideter, auf einem mächtigen, riesigen, schwarzen Schlachtross sitzender Ritter ist er. Wenn die Hufe des Schlachtrosses auf den Boden schlagen, sprühen sie Funken. Aus den Nüstern kommt Dampf heraus.

Der schwarze Ritter hat eine mächtige Lanze, ein riesiges Schwert und ein mannsgroßes Schild. Er kommt hereingestampft. Stellt sich vor mich. Er ragt bis in den Himmel hinein und sagt: „Ich bin der Herrscher über diese Lande.“

Dieser Ritter. Das ist meine Angst.

Er schützt mich. Er schützt mich vor irgend etwas. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist so alt und so lange her, dass ich mich daran nicht erinnern kann. Aber er schützt mich. Er ist der Herrscher über diese Lande. Nur, das Problem ist: Ich bin nicht mehr zwei Jahre alt. Ich brauche ihn nicht mehr. Er ist ein Relikt aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

Ich habe das lange nicht gewusst. Er weiß es immer noch nicht. Und während ich so auf dem Boden liege und winsele. Und er über mir trohnt und das mächtige Schlachtross steigt, beschließe ich einfach mit ihm zu sprechen.

„Ich weiß warum Du da bist.“

Stummes Starren.

„Du bist da um mich zu schützen.“

Stummes Starren. Vielleeeeeicht ein Hauch eines Nickens.

„Du bist irgendwann in den Krieg gezogen um mich zu beschützen. In all die Schlachten.“

Weiterhin stummes Starren. Die Gesichtszüge scheinen sich unter dem Helm leicht zu entspannen. Oder auch nicht.

„Du bist mein großer Held!“

Stummes Starren mit einem Hauch von Anerkennung. Er traut dem Braten aber nicht. Ich glaube der spricht gar nicht.

„Weißt Du: Die Zeit ist aber vorbei.“

Stummes Starren mit Stirnrunzeln. Zu dem hat wahrscheinlich noch nie jemand gesprochen.

„Weißt Du: Du schützt mich vor etwas, wovor ich mich vor über 30 Jahren nicht schützen konnte. Laaaange her.“

Weiterhin stummes Starren. Etwas weniger Stirnrunzeln. Ich deute das als latente Zustimmung.

„Dieses ETWAS. Damals. Da war ich selber überhaupt nicht in der Lage, das auch nur annähernd zu begreifen.“

Entspannung unter dem Helm. Kein Stirnrunzeln mehr. Definitive Zustimmung.

„Nur, weißt Du. Ich bin nicht mehr zwei.“

Wieder das Stirnrunzeln. Verwunderung.

„Und auch nicht fünf.“

Definitive Verwunderung.

„Ich bin 35 und Erwachsen.“

Komplettes Erstaunen. Konzept von Erwachsen scheint ihm große Mühe zu bereiten.

„Mitlerweile kann ich diese Dinge auch verstehen.“

Sehr weit aufgerissene Augen. Selbst unter dem Helm sichtbar.

„Und noch mehr.“

Neugierde.

„Ich kann mich selber schützen.“

Das saß. Er ist platt. Er startt mich an, als hätte ich eine Abstammung von Außerirdischen erwähnt.

„Ich weiß, dass das alles ein bisschen viel für Dich ist.“

Sein Gesicht sagt: Aber hallo ist das ein bisschen viel!

„Ich meine: Du führst seit 30 Jahren einen Krieg. Eine Schlacht nach der anderen.“

Stolz. Und wieder dieses Starren.

„Du wirst nie müde. Wachst immer. Stehst immer bereit. Auch mitten in der Nacht.“

Er ruht sichtlich in sich.

„Aber. Es wird Zeit für Dich nach Hause zu gehen.“

Wieder dieser Außerirdischen-Blick. Ohoh. Der ist jetzt verwirrt.

„Guck doch mal. Dein Pferd ist echt alt geworden.“

Das hat ihn aus dem Konzept gebracht. Er schaut langsam und misstrauisch an den Flanken des Gauls runter.

„Guck mal genau hin! Das lahm.“

Er ist total durch den Wind. Er lässt das Pferd ein bisschen tänzeln und muss mit unfassbarem Erstaunen feststellen, dass es so ist. Es lahmt.

„Und guck mal hier: Deine Rüstung hat gaaaaanz viele Macken.“

Er wird nervös. Er kann es nicht glauben. Da ist nix mehr mit in-sich-ruhen. Er schaut auf die Rüstung: Lauter Dellen und Macken! Wie konnte das passieren?

„Deine ganze Ausrüstung ist total abgenutzt. Schau mal das Schild: Es ist eingerissen. Selbst Dein Wappen ist verblasst. Ich kann es überhaupt nicht mehr erkennen!“

Scheiße! Der Arme. Er steigt vom Pferd und inspiziert seine Sachen: verbeultes Schild, faseriger Umhang, durchgescheuertes Zaumzeug. Obwohl es mir wirklich in der Seele weh tut, setze ich nach:

„Dein Schwert ist schartig. Deine Lanze gesplittert.“

Ich liege nicht mehr. Irgendwann bin ich aufgestanden.

Der schwarze Ritter kniet auf dem Boden. Er ist in Tränen aufgelöst. Sein schartiges Schwert liegt in seinem Schoß. Er kann es überhaupt nicht fassen. Mit einem Laut wie ein Tier, sinkt er in sich zusammen.

Ich schaue auf. Mein Blick wandert über ihn hinweg. Zum Horizont. Über meine Lande.
In einer kleinen Ecke liegen ein paar Spielsachen: ein Vulkan, ein Drache, tiefe Schwärze. Mit einem Hauch von Bedrohlichkeit von damals. Aber nur noch Spielsachen.

Und ich denke, dass es vielleicht Zeit für ihn wird nach Hause zu gehen. Zurück zu Guinevere.

Er ist alt und grau geworden.

„Es wird Zeit, dass Du zu Deiner Liebe gehst. Nach Hause. Sonst siehst Du sie vielleicht nie wieder.“

Einige Zeit später sehe ich ihn in den Horizont reiten. Wie Don Quichote de la Mancha.

Wovor er mich geschützt hat?

Davor ein Mensch zu sein.

Veränderungspraxis für heute

Wie sieht Deine Angst aus? Wovor schützt sie Dich? Kannst Du sie anschauen? Oder ist sie zu mächtig? Kannst Du mir ihr reden?

Wenn sie zu mächtig ist, dann ist das OK. Dann guck weg und mach was Nettes für Dich.

Wenn Du ab und zu mal zu ihr wieder kommst, wirst Du mehr sehen.

Wenn Du schon Details siehst, dann kannst Du sie vielleicht länger anschauen.

Wenn Du hinter sie sehen kannst, dann siehst Du auch vielleicht, wovor sie Dich schützt.

Vielleicht kann sie – wie mein schwarzer Ritter – nicht sprechen. Aber Du kannst!

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Flickr Foto von Stefan Tell


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