agata góralczyk : texte

Das moderne Leben = Komplexität, Ambiguität, Überforderung?

Complexity from simplicity

Ich lese gestern im Doppler, die erste Herausforderung moderner Unternehmensentwicklung sei die Bewältigung der gestiegenen Komplexität.

„Man überblickt nicht mehr alles, was gerade passiert. Man versteht nicht mehr bei allem, warum es passiert. Was man an einem Ort tut, kann an einem ganz anderen unvorhergesehene Konsequenzen haben.“

Das moderne Leben

Situationen werden also in unserem modernen Leben immer öfter als mehrdeutig, uneindeutig erlebt: Komplexität, Ambiguität, unüberschaubare Vernetzung der Dinge, Kontrollverlust, Angst, Überforderung.

Ist das moderne Leben wirklich unbeherrschbarer, mehrdeutiger, komplexer geworden als früher? Oder erleben wir das nur so, weil wir die Konsequenzen unserer Handlungen direkter und zeitnaher erleben? Weil es nicht mehr Monate oder Jahre lang dauert bis eine Information über den Globus gewandert ist, sondern nur noch Sekunden. Weil nicht erst neue Generationen heranwachsen müssen, um die Folgen unseres Verhaltens zu erleben.
Weil es dadurch wesentlich schwerer ist, ignorant zu bleiben?

War die Welt nicht schon immer komplex und mehrdeutig? Wir konnten das nur besser „wegblenden“ und ignorieren, weil die Konsequenzen so weit weg oder erst eine Generation später eintraten? Weil einfache Erklärungsmodelle für ein Menschenleben ausreichten und nicht ständig umgeschmissen und neu entworfen werden mussten? Weil wir nur eine Handvoll davon kannten und nicht eine schier unendliche Vielfalt an Optionen zur Verfügung hatten?
Weil es einfacher war, ignorant zu bleiben?

Tempo, Tempo, Tempo

Als ich das Abitur machte, war der Arbeitsmarkt ein völlig anderer, als zum Ende meines Studiums. Meine Mutter hingegen arbeitet immer noch im gleichen Beruf.
Was gewiss anders geworden ist – kann man also sagen – ist das Tempo, in dem sich alles ändert. Die Regeln für ein gelungenes Leben, die für unserer Eltern ein Leben lang galten, kann man sich heute sparen. Wer versucht an ihnen festzuhalten, wird zum größten Teil nur Frust und Enttäuschung erleben.
Andererseits: Dass die Welt sich wie irre und ständig ändert, darüber haben schon andere in früheren Jahrtausenden geklagt. Dass nichts bleibt, so wie es ist, ist ne Binsenweisheit. Als Antidot empfahl ein Mann aus Indien vor 2500 Jahren, sich mit der ständigen Veränderung und der unüberschaubaren Vernetzung der Dinge abzufinden. Statt sich ständig damit irre zu machen, es zu erkennen und das einzig Machbare tun: Im Jetzt weilen.

Beklagen wir also weniger die zunehmende Komplexität, Beschleunigung und Ambiguität, sondern eher die Tatsache, dass wir es uns nicht ignorant im ’status quo‘ gemütlich machen können?

Schwimmer und Nichtschwimmer

Es heißt, Hochbegabte kämen mit alledem besser zurecht. Sie bräuchten das komplexe, mehrdeutig vernetzte Gewusel geradezu, um wirklich auf Hochtouren zu kommen. Sie betrachteten es nicht als Bedrohung, sondern als Medium, in dem sie sich erst richtig bewegen könnten. Sie würden komplexe und mehrdeutige Situationen bevorzugen. Als wären sie Schwimmer.

Heißt das, dass ein normalbegabter Mensch Ambiguität immer fürchtet? Immer versucht, einer Situation die Komplexität, die Mehrdeutigkeit, die Unbeherrschbarkeit zu nehmen? Weil er immer ein Nichtschwimmer bleibt?

Nahezu jeder soziale Kontext ist mehrdeutig, komplex und niemals wirklich beherrschbar. Jede emotionsgeladene Situation. Jeder Konflikt.
Wenn der Durchschnittsmensch nicht in der Lage wäre, in diesen Situationen klarzukommen, dann wären wir bereits ausgestorben.

Lehren und Lernen

Vielleicht liegt es daran, dass wir einfach das Falsche beigebracht bekommen. Dass man uns beibringt, wie man sich Sicherheit in all der Komplexität schafft. Wie man besonders erfolgreich, so tut, als würde sich nichts ändern, als wäre alles einfach.
Statt uns beizubringen, dass es stimmt. Dass alles komplex ist. Und wie man damit umgehen kann.

Foto von victor_nuno


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