agata góralczyk : texte

Das sinnlose Kondom des Cheaters

„Was für ein elender Mist!“ motz ich in den Monitor. Meine Hand verkrampft sich um die Maus herum. Am liebsten würd ich das Teil an die Wand donnern.
Ich bin frustriert. Ich komme nicht voran. Das Spiel stinkt mir sowieso schon länger. Ich will aber den Rest der Geschichte sehen. Will sehen, wie das Ganze ausgeht. Vielleicht gibt es ja doch noch ne Rettung für meinen Abend.
Mein Freund Google spuckt unter „deus ex invisible war godmode“ die Lösung aus: Ich werde unverwundbar.
Ich cheate. Und anschließend ist es wie immer: Das völlige Elend. Zum Frust, kommt noch mehr Frust, kommt die Langeweile. Ich spule das Spiel irgendwie nur noch mechanisch ab. Reine Pflichterfüllung. Angeödet renne ich durch die Gegenerscharen. Dem Abspann entgegen.

Cheaterfrust

Es ist ja nicht das erste Mal. Wenn ich ehrlich bin, passiert das jedes Mal, wenn ich cheate. Egal ob Komplettlösung, Trainer oder GodMode. Jedes Mal bin ich nicht nur vor sondern auch nach dem Cheaten frustriert.
Irgendwas stimmt da doch nicht. Ich hole mir den Cheat, um den Frust los zu werden, nicht, um mich neu anzufrusten.
Warum kommt statt der versprochenen und erhofften (Er-)Lösung noch mehr Elend über meinen Abend?

Anna und die Regeln

Kürzlich habe ich Anna Anthropys wundervolles Zauberbuch (1) gelesen. Sie schreibt dort, ein Spiel sei eine von Regeln geschaffene Erfahrung.

A game is an experience created by rules. (2)

Ein Spiel sei dazu gut, Dynamiken, Beziehungen und Systeme zu erforschen.

And that’s what games are good at: exploring dynamics, relationships, and systems. (3)

Regeln, die Erfahrungen schaffen. Das klingt, als könnte es mich weiter bringen. Vielleicht finde ich hier die Erklärung, warum der GodMode so ein Rohrkripierer ist. Schließlich benutze ich den GodMode, um Regeln zu umgehen.
Wie war das nochmal ganz konkret mit Alex D., den Regeln und dem GodMode?

Alex D. in Kairo

Ich verschaffe mir Zutritt in ein abgesperrtes Gebäude. Hier gibt es mehrere über Treppen zu erreichende Etagen mit verschieden Räumen. Zudem gibt es immer wieder Ventilationsschächte, durch die ich mich kriechend fortbewegen kann.
Der Aufbau der Umgebung setzt klare Grenzen und regelt, wohin ich mich überhaupt bewegen und wie ich von einem Ort zum anderen gelangen kann. Die Spielphysik definiert, wo Durchgänge und wo unüberwindliche Hindernisse sind. Wohin kann ich gehen, kriechen oder klettern. Auf was kann ich springen.
Der GodMode tastet diese Regeln nicht an. Ich bräuchte schon einen Cheat, der mich durch Wände, Möbel, etc. gehen lässt.
Die Erfahrung des Spiels, eine festgelegte und beschränkte Topografie zu erforschen, mich auf eine bestimmte Art fortzubewegen und Zugänge zu suchen, bleibt also erhalten.
Ich erlebe mit Alex D., wie es ist, Treppen herauf zu laufen, durch Lüftungsschächte zu kriechen und durch Räume zu gehen. Ich erkunde meine Umwelt, suche nach Wegen zu bestimmten Bereichen und freue mich über geheime Pfade. Auch präge ich mir die Verteilung und Anordnung der Räume ein, um mich zurecht zu finden.
Alex D. ist verortet. Mein Erlebnishorizont wird phänomenologisch erweitert.
Diese Erfahrungen der Räumlichkeit sind mir nur durch die vorhandenen Regeln der Spielphysik möglich. Mein Cheat hebelt diese Erfahrung nicht aus. Ich erlebe im Spiel tatsächlich etwas, was außerhalb des Spiels und seiner Regeln nicht möglich wäre.

Sehen, hören, schießen

Ein weiteres Element im Gebäude sind immer wieder fest installierte Sicherheitskameras und automatische Geschütze zur Überwachung der Räume. Beide haben einen bestimmten „Sichtradius“. Tauche ich in diesem auf, wird ein Alarm ausgelöst, bzw. ich werde beschossen. Dies kann ich durch Ducken, Bewegung im toten Winkel, das Abpassen der Kamerabewegung und andere Ausweichmanöver verhindern. Zudem habe ich eine Biomodifikation eingebaut, die mir eine „Unsichtbarkeit“ gegenüber dieser Technik ermöglicht. Mit einem weiteren Biomod kann ich Kameras und Geschütze kontrollieren. Schließlich gibt es noch bestimmte Waffen, die diese Elektronik außer Gefecht setzen.
Natürlich halten sich in den Räumen auch Personen auf. Zudem dürfen in einer futuristischen Welt Wach- und Kampfroboter nicht fehlen. Sie stehen an einer festen Stelle oder bewegen sich über einen festgelegten Pfad. Ähnlich wie die Kameras haben sie einen Wahrnehmungsradius: sie können mich sehen oder hören. Wenn dies passiert, greifen sie mich an, wenn sie mir feindlich gesinnt sind.
Auch hier habe ich verschiedene Möglichkeiten, die Situation zu beeinflussen. Durch Tarnung und leise Fortbewegung, durch Ausschalten der Personen oder Bots mit verschiedenen Waffen, durch Ablenkung.
Die von der oben beschriebenen Topografie beschränkten Bewegungsmöglichkeiten werden durch die „Wachelemente“ noch weiter eingeengt. So kann ich mein Ziel nicht auf allen Wegen erreichen. Sicherheitsanlagen und Feinde als Designelement regeln, auf welchen Pfaden, bzw. zu welchem Zeitpunkt ich mich fortbewegen kann.

Selbstwirksamkeit

Gleichzeitig erlaubt es mir mein Handwerkszeug (Waffen, Biomods) den von den Designer festgelegten Ablauf punktuell zu stören oder zu verändern. Mit Kreativität und Ausprobieren kann ich diese fest verdrahtete Welt verändern. Kann meinen eigenen Weg finden. Kann meine eigene Erfahrung schaffen. Ich kann mich selbst als kompetent erleben und Erfolgserlebnisse sammeln.
In der Psychologie spricht man von Selbstwirksamkeit. Je öfter ich mich als erfolgreich erlebe, desto höher ist meine Selbstiwirksamkeitserwartung: mein Glaube an die eigenen Kompetenzen.
Das ist ein verdammt wichtiger Aspekt des interaktiven Mediums Videospiel. Erfolge sammeln, mich als selbstwirksam, als kompetent zu erleben. Das steigert nicht nur mein Kompetenzerleben und damit die Frustrationstoleranz im Videospiel. Wie alle Erfolgserlebnisse kann auch dieses auf andere Lebensbereiche übertragen werden.

Schwitzen, bangen, rennen

Der GodMode ändert nichts daran, ob ich von den Kameras oder Feinden wahrgenommen werde. Ich muss aber die Konsequenzen einer Unachtsamkeit nicht tragen. Die Reaktionen des Systems machen Alex D. nichts aus – sie ist unverwundbar.
De facto also heble ich das Regelsystem der Bewegungspfade aus.
Damit geht mir die damit verbundene Erfahrung flöten. Ungeduldig in einem Lüftungsschacht zu kauern und um die Ecke zu schielen, um den Raum nach Kameras und Patrouillen abzusuchen. Deren Bewegungsmuster zu verfolgen und minutiös einen Weg an ihnen vorbei zu planen. Einen perfekten Ort auszuspähen, um von dort die Feinde einen nach dem anderen aufs Korn zu nehmen und auszuschalten, bevor sie mir gefährlich werden. Nervös den idealen Zeitpunkt und Weg zum Loslaufen zu antizipieren. Sich endlich zum Loslaufen zu entscheiden, in der Hoffnung, heile anzukommen. Mit einer hit-and-run-Taktik durchzurasen, um hinter der nächsten Ecke getarnt in einem Versteck zu verschwinden. Mit Schweiß an den Händen in Sicherheit anzukommen, oder von den Geschützen zerfetzt zu werden.

Präservativ

Der kleine Akt, einen Cheat zu benutzen, unterbindet eine ganze Palette emotionaler Erlebnisse und gelebter Erfahrungen. Mit GodMode muss ich weder ausprobieren noch kreativ werden. Ich nehme mir selber die Möglichkeit, etwas zu verändern, eine Erfahrung zu schaffen, mich als selbstwirksam zu erleben. Ich betrüge mich selber um den im Videospiel gesuchten Effekt: Die Interaktivität, aus der – im Gegensatz zu anderen Medien – ein Kompetenzerleben erwachsen kann. Der Cheat wird zum Verhütungsmittel des Erfolgs.
Es ist völlig paradox. Eigentlich habe ich den Cheat benutzt, weil ich im Spiel erlebte, keine (oder zumindest nicht genug) Macht zu haben. Ich wollte mehr Macht, mehr Erfolge, weniger Frust.
Statt dessen kastriere ich mich mit dem Cheat selber. Ich kann gar nicht erst in eine Situation kommen, in der ich mich kompetent und erfolgreich fühle. Wie denn auch? Wo keine Erfahrung, da auch keine Kompetenz.
Das von den Entwicklern festgelegte, dem Spiel inhärente Regelsystem wird vom GodMode ausgehebelt. Spiele ich das Spiel mit GodMode, kann ich die Dynamiken des Spiels nicht erleben. Die Erfahrung, die durch die Regeln geschaffen wird, kann ich nicht (mehr) machen. Ich habe ja die Regeln gezielt ausgeschaltet.
Wenn aber diese von Regeln geschaffene Erfahrung das Sinn des Spiels für den Rezipienten (also mich als Spielerin) ist, dann schaffe ich mit der Abschaffung der Regeln auch denn Sinn des Spiels ab.
Der Cheat macht das Spiel sinnlos und das Spielen zur sinnentleerten Handlung.
Das saß.

Aktuell hänge ich wieder einmal in einem Spiel fest. Ich hatte schon überlegt, ob es dafür einen Cheat gibt. Statt dessen überlege ich lieber, was ich mit dem Frust sonst machen kann.

1. Anthropy, Anna: Rise of the Videogame Zinesters – How freaks, normals, amateurs, artists, dreamers, dropouts, queers, housewives, and people like you are taking back an art form. New York : Seven Stories Press
2. ebd. S. 43
3. ebd. S. 46



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