agata góralczyk : texte

Gott im Flugzeug

Gefaltete Hände. Gesenkte Köpfe. Lippen im stummen Gebet.
Flug W61831. Reihe 6. Sitz C.
Ich schaue noch einmal hin. Rüber zu meinen Sitznachbarn:

Gefaltete Hände.

Ich habe mich noch nicht von all dem Durcheinander erholt – von Abflug, Sicherheitsabfertigung, Schnittchen und Duty-Free-Verkaufsrummel – da sitzen diese Zwei, falten ihre Hände und beten.
Die Zeit bleibt stehen. Die Welt hört für einen Moment auf, sich so schnell zu drehen. Stille.

Der Rest von uns lässt Start, Flug und Landung ungeduldig über sich ergehen. Wir wollen möglichst schnell am Ziel sein.
Die beiden sitzen ganz ruhig da. Mit Gott im Flugzeug.

Ich mag keine Flüge. Nicht weil ich Angst davor hätte. Aber die Flugzeit ist immer irgendwie eine verschwendete Zeit. Gefüllt mit Nichtigkeiten zieht mein Leben vorbei.
Meine Sitznachbarn warten nicht darauf, dass etwas passiert. Sie beten. Sie schaffen Sinn. Die scheinbar verschwendete Zeit wird zu ihrer eigenen Zeit. Ihrer Zeit mit Gott.

Flughäfen sind alle gleich. Die gleichen Läden und Kioske, Schalter und Wartehallen.
Wie austauschbare Figuren bewegen wir uns vor einer immer gleich bleibenden Szenerie. Ausgespuckt aus Flugzeugbäuchen irren wir in der Beliebigkeit des globalisierten Beschleunigungskarusells herum.

Die betenden Hände halten die Zeit an. Lassen das Chaos verstummen. Unverrückbar im Hier und Jetzt trotzen sie jeder Beliebigkeit.
In ihrem privaten Gebet, in ihrem Innehalten sind sie einmalig und einzigartig. Sie gehören nur sich selbst.

Wann habe ich das letzte Mal nur mir selbst gehört?



Kommentar verfassen

noch mehr: rss | email | twitter