agata góralczyk : texte

Große Koalition – Teil 1: Irmgard und die Sandsäcke

Ich war also letztens wählen. Schön am Wahlsonntag ins Gemeindehaus hier um die Ecke. Ich kann jetzt natürlich nicht sagen, wen. Wahlgeheimnis und so. Aber ich war dabei. Hab meine Kreuzchen gemacht.

Diesmal musste es aber auch sein.

Ich dachte ja lange genau wie der Heinz auch, die Angela kann das alleine: Mutti wird’s schon richten. Wir Frauen sind ja stark. Aber: Auch wenn wir es nicht so gerne zugeben: Manchmal brauchen wir doch Hilfe. Mit dem Staubsauger zum Beispiel. Oder wenn die Spülmaschine verstopft. Oder die Wintersachen auf den Boden müssen. Das macht dann ja auch der Heinz.

Bei Angela ist das genauso. Eigentlich will sie uns nicht mit den ganzen Problemen belasten. Wir haben ja schon genug Stress im Alltag. Ist ja nicht alles rosig hier. Heute zum Beispiel hat der Staubsauger den Geist aufgegeben. Puff, und der Beutel ist geplatzt. Alles voller Dreck. Das muss man sich mal vorstellen: Die Sauerei! Dann will man abends bei der Tagesschau nicht noch mehr Sorgen aufladen. Da will man von seinem Alltag auch mal abschalten. Das weiß die Angela auch. Das macht sie ja so sympathisch.

Wir Frauen sehen es ihr aber trotzdem an: Sie trägt die Schultern so müde und die Augen gucken in letzter Zeit so traurig. Da hab ich mir gedacht: Die braucht jetzt doch mal Hilfe. Diese Bübchen, die da immer um sie herum schlawinern und sich nur für die Kameras schick machen, statt mal was Nützliches zu tun. Die stehlen der Angela nur die Nerven und die Zeit. Weg mit denen, sagte ich, und bin wählen. Der Sigmar, das ist ’n echter Kerl: Der macht’s. Die beiden zusammen: Da kann nichts mehr schief gehen. Große Koalition.

Jetzt verhandeln die noch, dauert alles ’n bisschen. Die haben aber auch so viel zu tun. Im Fernsehn immer mit den Mappen und den Verträgen und dann immer diese Sitzungen und diese Gruppen. Hoffentlich behalten die beiden da den Überblick, von wegen was in welche Mappe und wer in welche Sitzung, und so. Sowas kann auch schonmal schief gehen, wie beim letzten mal im Karnevalsverein. Dann sitzt auf einmal der Horst bei den Funkemariechen und die Ursula beim Männerbalett. Das ist nicht schön…

Jah. Fernsehn. Da sieht man auch immer diese Naturkatastrophen: Hurrikane und Taifune und Überschwemmungen und so. Hurrikane und Taifune, die gibt’s bei uns im Rheinland Gott sei dank nicht so. Aber Überschwemmungen. Da kennen wir uns aus. Bei der Ilse in Uerdingen stand auch schonmal der Rhein im Wohnzimmer. Die Sauerei kriegste aus den Polstern nie wieder raus! Im Fernsehn jedenfalls gibt es dann auch immer diese Bilder von der Flut und den Leuten, die die Sandsäcke stapeln. Da hab ich mir gedacht: Mit der Angela und dem Sigmar ist das genauso. Die stehen ja jetzt auch ganz vorne am Wasser mit nassen Füßen und müssen erstmal ganz viel stapeln.

Sandsäcke stapeln, das machen sonst immer die Jungs von der Bundeswehr. Sieht gut aus, wenn die Burschen da mal anpacken. Das Wasser kommt immer näher und die stapeln und stapeln und stapeln. Man hat ja schließlich so Einiges zu verlieren: das Ersparte und das Haus und die Ruhe. Der Ärger, den die Ilse und der Lothar damals mit dem Wasser hatten. Und was das gekostet hat! Ne, ne, ne! Den Stress brauchen wir nicht. Aber wir wohnen ja auch nicht in Uerdingen. Trotzdem: Das haben sich die Ilse und der Lothar ja auch hart erarbeitet gehabt. Und Angela und der Sigmar, die wissen das.

Man braucht ja nur mal tagsüber das Fernsehn anmachen: Da wird einem vor lauter Überschwemmung in einer schwachen Minute schon mal ganz Angst und Bange ums Herz. Das ist nicht schön.

Da kommen zum Beispiel diese ganzen Boote übers Meer. Da sind so viele Menschen drin. Das muss man sich mal vorstellen. Und die kommen, und kommen, und kommen. Wo wollen die denn alle hin? Ich meine, hier in Krefeld ist’s ja auch schon voll genug.

Und dann diese Syrer. Schrecklich, was da in dem Land passiert. Dieser Assad mit seinen Chemiewaffen. Der bombt einfach die eigenen Leute! Die müssen ja auch wohin.

An die Chinesen will ich gar nicht erst denken. Die machen und machen und das nimmt kein Ende. Überall wo man hingeht: made in china. Wo soll man denn da noch einkaufen?

Europa alleine reicht ja schon. Alle brechen zusammen, haben auf Pump gelebt. Die haben nicht mal Regierungen. So geht das doch nicht. Ich meine, wir können das wohl noch stemmen, sagt die Angela. Aber schön ist das nicht. Immer alles für die anderen ausbaden zu müssen. Die arme.

Das Schlimmste kommt ja gerade erst noch. Da denkt man, man hat Freunde. Freunde, denen man vertrauen kann. Und dann sowas. Wir haben ja Nichts zu verbergen. Aber das gehört sich einfach nicht. Ich spitzle ja auch nicht in den Tagebüchern meiner Freundin Ilse rum. Wobei…

“Irmgard, wir müssen los! Der Lothar und die Ilse warten schon!”

Heinz sagt, ich soll mich nicht immer so aufregen. Der hat gut reden. Typisch Mann. Der muss ja nicht alles zusammen halten.
Naja, der Lothar, der ist beim THW. Der kennt sich mit Sandsäcken bestimmt aus.

Fortsetzung folgt…



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