agata góralczyk : texte

The ability to change (1)- GWW Writing Fiction

Ich arbeite mich aktuell durch die Übungen in „Gotham Writers Workshop: Writing Fiction„. Die Ergebnisse gibt es hier fortlaufend zu lesen.

Aufgabe: Die erschaffene Figur zum Leben bringen. Ein Textstück, in dem sie ihrer Sehnsucht nachgeht und etwas passiert, dass ihre kontrastierenden Eigenschaften zeigt. Gleichzeitig sollte ein Hinweis darauf drin sein, dass die Figur fähig ist, sich zu ändern.

Skizze für Teil 1:
Wir sehen Thomas in einer seinen „Nacht-Sex-Szenen“. Am nächsten Tag tritt er in Emden auf einer Seniorengala auf. So nah am Meer, in Ostfriesland, kann er sich die Gelegenheit nicht entwischen lassen, ein wenig auszureißen. Obwohl er ziemlich kaputt ist von der vorherigen Nacht, müde vom langen Auftritt und am nächsten Tag schon wieder weiter muss, stiehlt er sich abends an die Küste, hinter den Deich.

Die große Ostfrieslandtour, Teil 1

Thomas wälzte sich mit einem Stöhnen von der verschwitzten Frau runter. Er war fertig. Vielleicht konnte er endlich schlafen…

„Duuuu? Sag mal? Haste morgen schon was vor?“

Oh Gott! Wie doof konnte die Ische denn sein? Er hatte sich heute Abend nicht die Hellste rausgesucht. Er hatte keine Zeit. War zu müde. Wollte einfach schnell mal abstressen. Sie hatte schon in der schmuddeligen Beleuchtung des Tresens nicht besonders ausgesehen. Heute war ihm das egal. Er konnte seine Augen eh kaum aufhalten. Hauptsache schnell und unkompliziert. Und dann so ne Ansage.

„Muss arbeiten. Mach das Licht aus, wenn Du gleich gehst“, murmelte er und drehte sich absichtlich deutlich auf die andere Seite. Endlich schlafen…

Er schlief immerhin ein paar Stunden und döste am nächsten Tag im Tourbus nach Emden. Der Kapitän der Guten Laune auf Großer Ostfrieslandtour. Die gleichen Plakate hatten hier schon letztes Jahr gehangen.

Ihn erwartete das übliche Chaos. Das hieß, die eingesprungene Visagistin mit sanfter Stimme beruhigen, dem Tourleiter bei der Requisitensuche helfen und dem Akkordeonspieler sanft aber entschlossen zureden. Thomas war jetzt Hans Quinn, auf Kapitänstour. Das andere Leben.

Die Große Emden-Schiffs-Gala lief gut. Die Senioren schunkelten sich in den Schlaf, das Team konnte seine bekannte Routine einlegen und auch er war einfach nur der Kapitän. Auf seine Stimme und seinen Oma-Charme war immer Verlass.

Vom Galabankett ließ er sich dann recht schnell entschuldigen und ging tot müde in sein Hotelzimmer, wo ihn die stumme Dunkelheit erwartete. Er setzte sich auf die Bettkante und starrte aus dem Fenster. Dort draußen war irgendwo das Meer. Er hatte es heute auf dem Parkplatz gerochen. Das Meer. Mit seinen Wellen und dem Wind. Er versuchte gar nicht erst, sich hinzulegen. Er würde ja doch nicht schlafen können. Hier in Emden jemanden aufzureißen war ihm dann doch zu gefährlich. Zu klein der Ort, zu schwatzhaft die Leute. Wenn seine Eskapaden die Runde machten, wäre seine Karriere vorbei. „Geiler Kapitän auf Sextour“ oder so ähnlich würde die Schlagzeile lauten. Das konnte er sich nicht leisten. Er musste Hans Quinn, der Kapitän der guten Laune bleiben.

Thomas machte das Fenster auf. Zwischen den Geruch des Frittierfettes aus der Hotelküche drängte der Wind das Meer. Das Salz, die Brandung, das Wasser auf seiner Haut. Als Kind hatte er hier irgendwo mal Sandburgen gebaut. Lange war das her. 50 Jahre bald. Vielleicht war das hier seine letzte Chance?

Ganz vorsichtig und leise stieg er aus dem Fenster. Schleichend überquerte er das Dach des Hotelanbaus, hängte sich an die ramponierte Rinne und ließ sich in den Hinterhof fallen. Er brauchte erst ein paar Minuten um wieder zu Atem zu kommen. Sein Herz pochte vor Aufregung und der ungewohnten Anstrengung.

Er stahl sich durch die kleinen Gassen zur Ringstraße und nahm das erste beste Taxi: „Zum Wasser bitte. Irgendwo, wo‘s einsam und still ist.“

Fortsetzung folgt…



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