agata góralczyk : texte

Getting to know them (2) – GWW Writing Fiction

Aleks‘ Vater, Anatoliy Abramowitsch, und auch seine Mutter, Lara Evgeniowa, sind schon lange tot. Die Erinnerungen an sie liegen irgendwo in der Wehmut der langen Sommer seiner Kindheit.
Aleks hat jetzt eine eigene Familie. So wie sein Vater es immer gesagt hatte. Eines Tages… Seine Frau Tanja und seine beiden Söhne, Oleg (10) und Igor (6). Er hätte gerne ein Töchterchen gehabt. Eine kleine Nika Alyoshowna. Blond wäre sie gewesen, mit kleinen Löckchen. Sie hätte ihn glücklich gemacht. Ganz bestimmt.
Aleks hat ein paar Freunde in der russischen Nachbarschaft. Kumpels zum Treffen, Trinken und so. Was Männer halt so machen. Manchmal fragt er sich, wie es wäre auch mit deutschen Männern befreundet zu sein. Wahrscheinlich müsste er mehr über Fußball bescheid wissen. Er hat sogar mal überlegt in einen deutschen Fußballverein zu gehen. Das war dann aber doch keine gute Idee. Er hätte seinen Freunden erklären müssen, warum er nicht in den russischen Nachbarschaftsverein geht. Tanja hätte wieder gesagt, dass sie sich integrieren müssten und all das.
Manchmal fragt Aleks sich, was aus Daniil geworden ist. Daniil mit der Ninjawurfscheibe. Ob er enttäuscht wäre, wenn er wüsste, dass Aleks tagaus tagein die Gärten deutscher Reihenhäuser beschneidet. Dass er für einen Türken arbeitet, würde er Daniil auch nicht wirklich erzählen wollen.
Daniil stammte aus dem gleichen Dorf wie Aleks, Krasny Yar. 3000km von Moskau, 5000km von Langenfeld entfernt. Daniil hatte es schon viel früher geschafft aus Krasny Yar, aus Omsk, aus Russland wegzukommen. Aleks hatte 20 Jahre länger gebraucht. Tanja war Russlanddeutsche und 15 Jahre jünger. Sie haben direkt nach der Heirat die Papiere eingereicht. Oleg war schon in Langenfeld geboren.
Früher, in Krasny Yar, war er viel wütend. Oft wütend. Auf sein Leben, das nirgendwo hinführte, seine Eltern, die ihm nichts hinterlassen hatten, seine Freunde, die alle nur nach „Gelegenheiten“ suchten. Er ging dann immer zum See. Das half.
Die Seen in Langenfeld taugen nichts. Er ist auch nicht mehr so oft wütend. Er rupft das Unkraut gewissenhaft aus und beschneidet die Sträucher geschickt mit der kleinen Gartenschere. Manchmal – wenn Asil mit was anderem beschäftigt ist – nimmt Aleks auch die Kettensäge oder Heckenschere in die Hand.
Es geht ihnen hier in Langenfeld besser. Er hat einen guten Job. Tanja hat Putzstellen. Sie verdient gut. Oleg ist gerade aufs Gymnasium gekommen. Es geht ihnen besser.
Trotzdem kann Aleks nicht gut schlafen. Asil und Emre meinen auch oft, er sei „mürrisch“. Wobei er nicht weiß, was die Türken meinen, wenn sie „mürrisch“ sagen. Das weiß er bei den Türken eh nie. Sie halten sich im Arm, wie russische Männer auch und dann doch anders. Er dachte erst, sie seien Brüder. Aber sie sagen, ja und nein. „Fa. Binici“ steht auf dem Lieferwagen, mit dem sie ihn immer abholen. Asil Binici und Emre Teke sind keine Brüder. Aber sie sagen, manchmal ja. Ein wenig ist es vielleicht so, wie es bei ihm und Daniil war.
Manchmal träumt Aleks von Daniil. Wie sie zusammen am See waren. Im Sommer haben sie dort gebadet und im Winter sind sie drauf gelaufen. Daniil, der Draufgänger, der Unerschrockene. Der manchmal so Ungeschickte.
Als Daniil aus Krasny Yar fortging, das zottelige Haar milimeterkurz geschoren, hat er etwas von Aleks mitgenommen. Aleks hat immer darauf gewartet, dass Daniil zurück kommt und es ihm zurückgibt. Dieser Tage hat er aber immer öfter Angst, dass das nie passieren wird.
Von dieser Angst hat er noch nie jemandem erzählt. Manchmal sieht er die deutschen Männer und fragt sich, wem sie ihre Ängste erzählen.
Es ist nicht so, als dass sich russische Männer nichts erzählten. Sie trinken zusammen, schauen Fern und erzählen von den Dingen, die wichtig sind. Von ihrer Arbeit, ihren Frauen, ihren Kindern. Vom Auto und dem Haus und den Eltern. Sie erzählen sich lustige Geschichten, die jemandem passiert sind und lachen viel miteinander. Aleks mag das gerne. Er lacht gerne über die Geschichten. Über die Missgeschicke und Verrücktheiten seiner Landsleute. Besonders beliebt sind auch Geschichten über die Verrücktheit der Deutschen, die manchmal doch etwas seltsam sind.
Wenn wir Aleks fragten, ob er eine große Liebe hätte und ob sein Herz jemals gebrochen wurde, dann antwortete er, dass natürlich Tanja die Liebe seines Lebens sei und sie ihm niemals das Herz brechen würde.
Ich bin mir mitlerweile aber ziemlich sicher, dass Aleks‘ große Liebe Daniil war. Auf jeden Fall brach er ihm aber das Herz, als er sich damals – vor 30 Jahren – das Haar kurz schor und in all seiner jugendlichen Wut Krasny Yar verließ.

Fortsetzung folgt…

Aufgabe

Raus gehen und eine Figur suchen. Jemanden beobachten und sich Notizen machen. Anschließend die Figur mit den Fragen aus dem Buch ausgestalten.

Ich arbeite mich aktuell durch die Übungen in „Gotham Writers Workshop: Writing Fiction„. Die Ergebnisse gibt es hier fortlaufend zu lesen.


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