agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen

Herr Hargst stand in der Einfahrt zum Gelände des Rudolf-Virchow-Klinikums Berlin und starrte auf das Prörtnerhäuschen. Ein mürrischer Mann mit wohlgepflegter Bierplautze und Lesebrille am Kettchen hatte ihm gerade gegen Unterschrift eine Codekarte für das Gästehaus in die Hand gedrückt. Wie er es oft pflegte, hatte Herr Hargst mit einem Fantasienamen unterschrieben. Er übte diese Fantasieunterschriften regelmäßig und mit Ernsthaftigkeit. Schließlich wusste man nie, was auf einen zukam.

Das Pförtnerhäuschen – das war klar – war in Wahrheit ein Boot. Untersee vielleicht. Herr Hargst war sich da nicht so ganz sicher. Allerdings war es auch so, dass er wenig Ahnung von den maritimen Dingen hatte. Sein Wissen beschränkte sich auf Urlaube an der See und die Begeisterung für Abenteuerromane. Das Häuschen/Boot war auf verräterische Art in maritimen Farben gestrichen worden. Offensichtlicher konnte man nicht sein! Der blassgrünblaue Anstrich erinnerte Herrn Hargst an einen seiner Sommerurlaube in der Normandie. Er war dort zwei Wochen lang in der Buch von St. Malo verblieben und es nicht geschafft, sich an dem Wechsel der Gezeiten satt zu sehen.

Was das Boot/Häuschen darüberhinaus verriet, war der architektonische Stil. Auch davon hatte Herr Hargst wenig Ahnung. Jedoch hatte er in nächtelangen Exzessen Fritz Langs Metropolis immer und immer wieder geschaut. Ein überlanges Filmplakat hatte doch noch gestern in dem Restaurant gehangen, in das er müde, verfrohren und von der Welt erschlagen reingestolpert war. Die Zeichen häuften sich nicht umsonst und jetzt hier auch noch das getarnte Häuschen! Die ganzen Rundungen, die feine klare Linie, mit der sich das Häuschen von Asphalt und Beton drum herum abhob, wie auch das gerundete und hauchzart rauchfarbig getönte Glas der Wärterkabine machten unmissverständlich klar, dass das kleine Gebäude für mehr geschaffen war, als zwischen dem Parkmoloch zur Rechten und dem unübersichtlichen Gewirr funktionaler Büroräume zur Linken sein Dasein zu fristen.

Fieberhaft überlegte Herr Hargst, was nun zu tun sei, denn das Häuschen musste aus seiner präkeren Lage befreit werden. Daran bestand kein Zweifel. Er war sich ganz und gar nicht sicher, wie er mit dem Pförtner verfahren sollte. Schließlich konnte der Mann ein ahnungsloser Arbeiter, ein Verbündeter, oder gar – Gott bewahre! – der Agent einer fremden Macht sein. Der Pförtner war jedenfalls an die Gegebenheiten perfekt angepasst. Plauze und Brillenkettchen waren Herrn Hargst ja direkt aufgefallen. Das waren aber nur die beruhigenden Signale für die Unaufmerksamen und Zerstreuten. Nein, der Pförtner gab ein geradezu perfektes Bild ab. Die veritable, aber nicht ausufernde Plauze z.B. steckte in einem grau gestreiften Polyesterhemd mit Baumwollanteil. Bügelfrei – davon konnte man ausgehen. Der Streifen verlief natürlich längs und war nicht zu dick um aufzufallen und nicht zu dünn um elitär zu wirken. Herr Hargst erinnerte sich an ganze Pakete solcher Hemden, eingeschweißt und beim Kaufhof auf dem Wühltisch günstig zu erwerben. An solchen Kleinigkeiten erkannte man den Profi.

Als Herr Hargst sich noch Gedanken über die Kunstlederslipper des Pförtners – mit Troddeln, natürlich! – machte, geschah etwas völlig unerwartetes: das Häuschen zwinkerte ihm zu.



Eine Antwort zu “Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen”

  1. Silvia Franzmeier sagt:

    Guten Morgen Agata, welche Art der Kommentare sind den gewünscht? Ist der Text reines Ausprobieren oder hast Du dazu eine ganze Geschichte im Kopf? Eher für Kinder? eher Erwachsene,oder weiß nicht? Stilsuche?
    Das bei dem Wort „Bucht „im 2. Absatz vorletzte Reihe das “ t“ fehlt haben Dir wahrscheinlich schon Achthundertneunundneunzig Leute geschrieben, ich dachte, da darf ich nicht fehlen:-)).
    Alle anderen Kommentare sind in einem direkten Gespräch besser aufgehoben.
    Anbei ein anderes Thema, zu dem ich Dich eh kontaktieren wollte:
    Sind in Eurem E-Team noch Plätze frei? Ich bräuchte mal Rat/ Unterstützung 🙂
    bei meinem “ Projekt“. Vielleicht reicht auch einmal.
    Lieben Gruß Silvia

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