agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (1)

Es war ein trüb grauer Novembernachmittag als Herr Hargst in der Einfahrt zum Gelände des Rudolf-Virchow-Klinikums Berlin stand und auf das Pförtnerhäuschen starrte. Die Stadt – zugig, kalt, viel zu voll – hatte es geschafft, ihn noch vor Einbruch der Dunkelheit zu ermüden. Er hatte vergeblich nach einem Zeichen Ausschau gehalten. Nichts, bis auf das Häuschen. Ein mürrischer Mann mit wohlgepflegter Bierplauze und Lesebrille am Kettchen hatte ihm gerade gegen Unterschrift eine Codekarte für das Gästehaus in die Hand gedrückt. Herr Hargst hatte mit einem Fantasienamen unterschrieben. Er übte diese Fantasieunterschriften regelmäßig und mit Ernsthaftigkeit.

Das Pförtnerhäuschen – das war klar – war in Wahrheit ein Boot. Untersee vielleicht. Herr Hargst war sich da nicht ganz sicher. Es war so, dass er wenig Ahnung von den maritimen Dingen hatte. Sein Wissen beschränkte sich auf Urlaube an der See und die Begeisterung für Abenteuerromane. Das Häuschen jedenfalls war auf verräterische Art in maritimen Farben gestrichen worden. Offensichtlicher konnte es nicht sein! Was das Häuschen darüber hinaus als Boot verriet, war der architektonische Stil. Aber auch davon hatte Herr Hargst wenig Ahnung. Fieberhaft überlegte er nun, was zu tun sei, denn das Häuschen musste befreit werden. Daran bestand kein Zweifel. Er war sich jedoch dabei ganz und gar nicht sicher, wie er mit dem Pförtner verfahren sollte. Schließlich konnte der Mann ein ahnungsloser Arbeiter, ein Verbündeter oder gar – Gott bewahre! – der Agent einer fremden Macht sein. Als Herr Hargst sich noch Gedanken über die Rolle des Pförtners machte, geschah etwas völlig Unerwartetes: Das Häuschen zwinkerte ihm zu. Auch wenn er vorher vielleicht ein wenig zögerlich und sich seiner Sache nicht so ganz sicher war, wusste Herr Hargst: Er musste handeln!

Ein Plan formte sich in seinem Geiste, die Aufgaben klar und deutlich. Erstens: Die Pförtnersituation klären. Falls erforderlich das Häuschen aus den Händen der fremden Macht – also denen des Pförtners – befreien. Zweitens: Das Häuschen fahrbereit machen. Dabei fiel Herrn Hargst ein, dass er so gar keine Kenntnisse darüber hatte, wie ein solches Gefährt zu steuern sei. Hätte er doch damals den Binnenschifferschein gemacht. Dann könnte er jetzt zumindest Backbord von Steuerbord unterscheiden. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dies in Zukunft von Bedeutung sein könnte. Drittens: Auf zur großen Fahrt. Hier waren die Details des Plans noch nicht ganz deutlich. Da Herr Hargst aber nicht zum Grübeln neigte, sondern eher ein Mann der Tat war, beschloss er, sich mit unnötigem Kleinkram nicht aufzuhalten und bezog, um nicht weiter unnötig aufzufallen und gegebenenfalls sogar die Aufmerksamkeit des Pförtners auf sich zu ziehen, sein Zimmer im gegenüberliegenden Gästehaus.

Fortsetzung folgt…



3 Antworten zu “Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (1)”

  1. […] der Stadt Wuppertal ist sowohl die Zugriffberechtigungsprüfung wie auch das Laden an den Pförtner delegiert. Alle Beschäftigten der Stadt dürfen zu ihren jeweiligen Außenterminen auf einem […]

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