agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (2)

Am nächsten Morgen wollte Herr Hargst mehr über den Pförtner herausfinden. Der Mann war an die Gegebenheiten seines Arbeitsplatzes und seiner Tätigkeit perfekt angepasst. Plauze und Brillenkettchen waren Herrn Hargst ja bereits gestern aufgefallen. Das waren aber nur die beruhigenden Signale für die Unaufmerksamen und Zerstreuten. Nein, der Pförtner gab auch bei näherer Betrachtung ein geradezu perfektes Bild ab. Die veritable, aber nicht ausufernde Plauze steckte in einem grau gestreiften Polyesterhemd mit Baumwollanteil: bügelfrei! Der Streifen verlief natürlich längs und nicht quer und war nicht zu dick um als auffallend zu gelten und nicht zu dünn um elitär zu wirken. Herr Hargst erinnerte sich an ganze Pakete solcher Hemden, eingeschweißt und auf dem Wühltisch günstig zu erwerben. Spätestens als er sich Gedanken über die Kunstlederslipper des Pförtners – mit Troddeln, natürlich! – machte, wurde Herrn Hargst klar, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als zur Klärung der Situation zum Äußersten zu greifen und ein Gespräch mit dem Pförtner zu suchen. Er zirkulierte noch ein wenig um das Häuschen herum und ging dann entschlossenen Schrittes auf die Frontscheibe zu. In das gewölbte Glas war ein kleines Fenster mit Löchern und einem Griff eingelassen. Während Herr Hargst noch überlegte, ob er es schaffen könnte, sich im Zweifelsfall dort hindurchzuzwängen, hoben sich die Augen des Pförtners, der gerade in einer grünen Mappe blätterte, prüfend über den Brillenrand. Die trockenen Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie und aus dem Fenster drang ein Laut, den Herr Hargst als ein “Hrmpf?” interpretierte.

“Jaa … ich … also …”

“Grmpf ömpf hrmpf?”, hallte es aus dem Fenster.

Herr Hargst war verwirrt. Vielleicht hatte ihn der Pförtner mit jemandem verwechselt? Einem Kontaktmann? Warum sollte er sonst in einer Geheimsprache mit ihm sprechen? Er sah eine Gelegenheit und ergriff die Initiative.

“Hrmpf grmp ömp?”, improvisierte er.

Der Pförtner stutzte, legte die grüne Mappe zur Seite und zog langsam eine Augenbraue hoch, “krmpf?”

“Rmpf?”, versuchte Herr Hargst es noch einmal.

Bislang war noch niemand weiteres an das Häuschen gekommen. Gerade eben aber hatte wieder eine Straßenbahn an der Seestraße Halt gemacht und einige Fußgänger kamen auf das Häuschen zu. Herr Hargst verlor langsam die Nerven. In einem letzten Versuch verzog er grimassenartig seine Stirn und setzte zu einem weiteren “Hrmpf” an, als der Pförtner missmutig das Fenster des Häuschens öffnete.

“Wat redenSe denn da? Se sehn doch, det ick arbeete. Wat wollenSe?”

Zwischen dem strengen Blick des Mannes und dem Aufflackern eines roten Rockes im Augenwinkel verschlug es Herrn Hargst die Sprache. Er brachte kein weiteres Wort heraus, zwinkerte mehrfach nervös mit den Augen und reihte sich mit heruntergezogenem Hut in die gerade linker Hand vorbeiziehende Fußgängergruppe ein.

Zwar ließ Herr Hargst sich nicht schnell entmutigen, musste diesen Versuch jedoch als misslungen verbuchen. Dennoch zweifelte er nicht an der Richtigkeit seines Plans. Er hatte doch in nächtelangen Exzessen Fritz Langs Metropolis immer und immer wieder geschaut. Ein übergroßes Filmplakat hatte noch gestern in dem Restaurant gehangen, in das er müde, verfroren und von der Welt erschlagen gestolpert war. Die Zeichen häuften sich nicht umsonst um das getarnte Häuschen! Die ovale Grundform, die feine klare Linie, mit der sich das Häuschen von Asphalt und Beton abhob, wie auch das gerundete und zart rauchfarbig getönte Glas der Wärterkabine machten doch unmissverständlich klar, dass das kleine Gebäude für mehr geschaffen war, als zwischen dem Parkmoloch zur Rechten und dem unübersichtlichen Gewirr funktionaler Büroräume und Laboranlagen zur Linken sein Dasein zu fristen. Herr Hargst konnte nicht aufgeben.

Fortsetzung folgt…



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