agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (3)

Er ging so lange mit der Gruppe mit, bis er meinte aus dem Blickwinkel des Pförtners verschwunden zu sein. Dabei fiel ihm auf, dass das Häuschen über mehrere periskopartig aussehende Aufbauten verfügte, die sich wie langstielige Insektenaugen über dem Dach erhoben: Weitere Hinweise auf den eigentlichen Zweck des Gebäudes oder perfide getarnte Überwachungsanlagen? In der Hoffnung, der Pförtner möge ausreichend von der jungen Dame im roten Rock abgelenkt sein, schlich er einmal um das Häuschen herum und näherte sich der Frontscheibe diesmal von der rechten Seite. Herr Hargst war ein erfinderischer Geist und wusste die Gelegenheiten jedweder Situation zu nutzen. Die kurzberockte junge Frau kam ihm daher sehr entgegen. Wie er es vermutet hatte, war die Aufmerksamkeit des Pförtners vollends gebannt, so dass er sich das Innere der Kabine genauer anschauen konnte.

Schon bei seinen früheren Abenteuern hatte er gelernt, die Umgebung wichtiger Personen ausführlich zu inspizieren, um Hinweise auf Persönlichkeit und Vorlieben zu entdecken. Zunächst stellte Herr Hargst fest, dass die Pförtnerkabine nach einigen Metern, etwa in der Mitte des Häuschens und auf Höhe der Seitentüre von einer quer verlaufenden Wand durchtrennt war. Was sich dahinter, in der zweiten Hälfte des Häuschens verbarg, entzog sich gänzlich seinem Wissen. Waren dort die Überwachungsanlagen versteckt? Im Inneren der Kabine ergab sich ein schwieriges Bild: Von der Querwand ausgehend verlief eine Art Schreibtischplatte hufeisenförmig durch die komplette Kabine. Lediglich für die Türe war eine Aussparung vorgesehen. Oberhalb der Platte war die Kabine nahezu vollständig von Glas eingefasst. Für persönliche Gegenstände war hier gar kein Platz! An der Rückwand der Kabine hätte man Filmplakate, Kalender mit Motiven bevorzugter Künstler oder mit klugen Sinnsprüchen oder aber Abzeichen eines Sportclubs oder anderer Hobbys und Leidenschaften aufhängen können. Statt dessen nahm ein riesiger Stadtplan von Berlin diese Fläche für sich ein. Derweil schien das Gespräch des Pförtners mit der jungen Frau langsam seinem Ende zuzusteuern. Seine Zeit lief ab, er musste sich beeilen irgendwo einen Hinweis auf das Private des Pförtners zu finden. Es blieb also nur noch die lange Schreibtischplatte. Da sich der Pförtner bisher Herrn Hargst gegenüber mit großer Strenge verhalten hatte, hatte Herr Hargst vermutet, diese fein säuberlich aufgeräumt vorzufinden. Zu seiner Verwunderung lag statt dessen dort Allerlei verstreut: Ein großer Wochenkalender mit Spiralbindung zum Umklappen enthielt zahlreiche Einträge, die Herr Hargst aus der Entfernung heraus aber nicht entziffern konnte. Plastikkugelschreiber lagen überall herum. Mehrere Berliner Tageszeitungen waren aufgeschlagen, teilweise waren Artikel oder Fotos ausgeschnitten worden. Herr Hargst ließ seine Augen auf der Suche nach der grünen Sammelmappe umherschweifen, die ihm bereits zuvor aufgefallen war und in der der Pförtner seine Schnipsel hätte aufbewahren können. Das Häuschen schien nun aber genug von seiner Aufdringlichkeit zu haben. Der Einblick ins Innere fiel Herrn Hargst immer schwerer, mal verdunkelte sich die Scheibe, mal überzog sie sich mit Reflexionen, die seine Augen irritierten. Es nützte nichts. Die junge Frau im roten Rock verabschiedete sich gerade, er selbst wurde müde und just wandte sich der Pförtner langsam in seine Richtung. Im letzten Moment fiel ihm noch eine schwarze, nachlässig unter den Schreibtisch gequetschte Ledertasche auf, aus der die grüne Mappe mit besagten Zeitungsschnipseln hervorlugte. Schnell zog sich Herr Hargst zurück. Er musste nachdenken, einen Plan schmieden. Vielleicht eine Schokolade trinken.

Fortsetzung folgt…



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