agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (4)

Im kleinen Café nebenan, das hauptsächlich von Besuchern des Krankenhauses frequentiert wurde, trank Herr Hargst eine wässrig-braune Brühe, die einem an Orten wie diesen als Schokolade vorgesetzt wurde. Neben seiner Sitzbank stapelten sich auf einem Sockel mehrere Teile verschiedener Tageszeitungen ohne erkennbare Ordnung. Er griff sich zunächst ein kleineres Tageblatt, das großformatig über eine Eisenbahnausstellung berichtete. Ein breites Bild zeigte eine pittoreske Miniaturlandschaft, die mit viel Mühe aber wenig Sinn für das Ästhetische von den ebenfalls abgebildeten, bebrillten Männern in Strickpullovern erschaffen worden war. Herr Hargst war sich sicher, endlich eine Spur gefunden zu haben. So wiesen die Herren in der Zeitung eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Pförtner auf. Der unter dem mit großen geometrischen Mustern versehenen Pullover herausschauende Hemdkragen des einen zeigte die gleichen Streifen wie das Hemd des Pförtners. Von der Lesebrille des zweiten baumelte ein Brillenkettchen in zwei an riesige Ohren erinnernden Schlaufen. Das wird es gewesen sein, was der Pförtner akribisch ausgeschnitten hatte. Modelleisenbahn. Ja, das passte zu dem Mann. Die Zeit drängte, bald wäre es Mittag und damit Zeit für Herrn Hargsts obligatorisches Schläfchen. Allerdings, von Eisenbahnen wusste er auch nicht besonders viel.

Mit einem schnellen Zug trank er seine “Schokolade” auf – immerhin war sie warm – stopfte sich etwas verstohlen die Zeitungsseite mit dem Eisenbahnartikel in die Jacke und eilte zum Pförtnerhäuschen. Voller Eifer sprang er zu dem kleinen ovalen Fenster, drückte den Zeitungsartikel an die Scheibe und rief:

“H0 oder Spur N?”

Der Pförtner hatte halb mit dem Rücken zum Fenster gewandt gesessen. Er klappte die ominöse grüne Mappe schnell zusammen und ließ sie mit dem geübten Handgriff eines Ertappten unter der Tischplatte verschwinden. Wie bereits zuvor blickte er Herrn Hargst langsam über seinen Brillenrand an. Herrn Hargst wurde dabe ein wenig unwohl. Dann zogen sich die Mundwinkel des Pförtners leicht nach unten. Er rollte mit seinem Drehsessel schwerfällig nach vorne zur Scheibe, drückte mit dem Zeigefinger auf einen großen weißen Knopf:

“Ja?”

“H0, oder? Es geht doch nichts über H0!”, rief Herr Hargst erregt.

Die Stirn des Pförtners zog sich langsam in Falten. Herr Hargst hatte auch das schon einmal gesehen.

“De Blutspendezentrale hat heut’ jeschlossen”, erwiderte der Pförtner mit einem routinierten Blick in seinen Spiralkalender.

Herr Hargst verlor mal wieder den Faden: Welches Blut? Warum sprach der Mann immer in Rätseln? Nun denn. Improvisationsgeist war gefragt.

“Was treibt und tobt mein tolles Blut? Was flammt mein Herz in wilder Glut?”, versuchte er es mit Heine.

Der Mann auf der anderen Seite der Scheibe riss die Augen weit auf, seine Brauen schossen nach oben:

“Se sind doch der Bekloppte von eben! Erst veralbernSe mich, dann schleichenSe um das Gebäude herum. Und jetzt dieser Unsinn. VerschwindenSe von hier!”, rief er erzürnt durch das kleine Rundfenster.

“Aber, aber, ich muss doch hier rein!”, platzte es aus Herrn Hargst heraus. “Ich muss doch auf die große Reise. Das Haus, das muss doch zu Wasser…”, verlor er sich in seiner Not.

“Wat redenSe für ’n Blödsinn. Mir reicht’s mit Ihnen! WennSe nich’ sofort verschwinden, hol’ ick de Polizei.”

Nur das nicht!, dachte Herr Hargst. Das hatte er noch gar nicht bedacht. Der Pförtner hatte gewiss ein Telefon zur Hand. Er riss sich von der Scheibe los, an der er wie ein übergroßes Insekt geklebt hatte, und floh mit wehenden Rockschößen zur Hauptstraße. Die Zeitungsseite mit den Eisenbahnern blieb noch einen Moment an der Scheibe hängen, rutschte schließlich von einem Windstoß erfasst am Glas herunter und weichte in einer großen Pfütze unterhalb des runden Dachvorsprungs auf.

Fortsetzung folgt…



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