agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (5)

Die Erwähnung der Polizei hatte Herrn Hargst gehörig aus dem Konzept gebracht. Nicht dass er irgendwie flüchtig oder vorbestraft gewesen wäre. Nein, das nicht. Er war von außen betrachtet ein vielleicht etwas ungewöhnlicher aber insgesamt auch ungefährlicher Zeitgenosse. Allerdings wusste er aus Erfahrung, dass die meisten Polizistinnen über zwei für ihn eher ungünstige Charaktereigenschaften verfügten: Sie waren allesamt bis ans Schmerzhafte fantasielos und nur begrenzt verhandlungsbereit – vor allem wenn es um große Dinge ging. Mit einem Polizisten verglichen war der Pförtner ein wahrer Romancier! Nein, die Polizei konnte Herr Hargst hier am wenigsten gebrauchen.

Da der Pförtner aber auch so völlig ungesprächig war und Herr Hargst das Gefühl beschlich, seine Zeit liefe ab, beschloss er zu einer radikaleren Maßnahme zu greifen: den Pförtner zu vertreiben. Er musste schließlich in das Häuschen rein und das ging nur, wenn der Pförtner A) das Häuschen verließe und B) keine Gelegenheit hätte, die Türe wieder abzuschließen, wie er es sonst so gewissenhaft tat.  Mit einem schnellen Blick auf seine Taschenuhr sah Herr Hargst allerdings, was ihn so reizbar und unkonzentriert gemacht hatte: Es war allerhöchste Zeit für sein Mittagsschläfchen!

Als er zwei Stunden später ausgeruht und erholt, die Treppe seiner Absteige hinunter stiefelte und dabei erwog, wie er nun den Pförtner los werden könnte, verfing sich auf dem letzten Absatz sein Fuß und er stolperte mit einem metallenen Scheppern den Flur hinunter. Gezwungen seine zahlreichen Vertreibungsszenarien für einen Moment zu verlassen, stellte Herr Hargst fest, dass ihm das Schicksal wieder einmal wohl gesonnen war: Sein Fuß war nämlich in einem kleinen Blecheimer mit Henkel – wie man sie oft zum Pflanzen benutzte – hängen geblieben und im Hinterhof hatte jemand einen ganzen Stapel Altpapier und anderen Müll hinterlassen. Er hatte bei seinen zahlreichen Abenteuern gelernt, Geschenke des Schicksals zu nehmen, wie sie kamen, und so stopfte er den kleinen Eimer mit feuchten Magazinen, Papierschnipseln und ungewolltem Werbematerial voll. An der Haustüre seiner Unterkunft passte er einen dieser Momente ab, in denen der Pförtner in einem Gespräch war und lief geduckt zur Hinterseite der Häuschens. Während seiner Spähaktion am Vormittag hatte er nämlich gesehen, dass sich dort Lüftungsgitter befanden. Diese Tatsache war ihm in all dem Trubel mit dem Pförtner zwar entfallen, der erholsame Schlaf hatte seine Aufmerksamkeit für wichtige Details wieder geschärft und diese in seine Erinnerung gerufen.

Als er nun hinter dem kleinen Häuschen stand, entzündete Herr Hargst die üble Mixtur in seinem kleinen Eimer, die innerhalb kürzester Zeit einen miasmatischen Gestank von sich gab. So schwelten nicht nur die feuchten Papiere langsam vor sich hin, es hatte sich auch etwas von der Verpackungsfolie der Werbeprospekte mit in den Eimer geschlichen. Das glimmende Zeug erzeugte trotz – oder vielleicht gerade wegen – des Novembernieselregens einen hässlichen Rauch und stank zum Himmel. Mit diesem Brandcocktail bewaffnet positionierte Herr Hargst sich schleunigst am vermeintlichen Zuluftgitter des Häuschens, wedelte den Gestank hinein und wartete.

Man muss zu Herrn Hargsts Verteidigung erwähnen, dass er sich den Verlauf seines Planes etwas anders vorgestellt hatte. In seiner Version bemerkte der Pförtner innerhalb kürzester Zeit den fauligen Geruch, rümpfte die Nase – vielleicht stieß ihm auch das Pausenbrot ein wenig unangenehm auf – verzog das Gesicht und verließ blitzartig das Häuschen, um sich frische Luft zu verschaffen. Alternativ würde ein vorhandener Feuermelder ganz flott anspringen und mit seinem nervigen Gepiepe den Pförtner verjagen.

Statt dessen blätterte der Pförtner in aller Seelenruhe weiter in seiner grünen Mappe und rutschte irgendwann, wie ein Sack Kartoffeln, ohnmächtig vom Stuhl. Damit hatte Herr Hargst, der von seiner Position am Zuluftgitter keinen guten Einblick in die Wärterkabine hatte, nun wirklich nicht gerechnet. Erst als er lang und ausgiebig den Rauch in das Häuschen gefächert hatte, erfasste Herrn Hargst eine gewisse Unruhe. Was war da los? Verfügte der Pförtner etwa über magische Fähigkeiten? Konnte er ohne Luft auskommen? Vielleicht war das gar nicht das Zuluftgitter? Herr Hargst warf seinen Eimer ins nasse Gras am Gehweg und schlich sich an die Kabine heran. Mit Entsetzen sah er das ganze Ausmaß seiner Tat. Im Häuschen war vor lauter Rauch kaum etwas zu erkennen. Nur die grüne Mappe, halb offen auf dem Tisch liegend, ein paar Fotos und Zeitungsschnipsel dort verstreut und die schlaff herabhängende Hand des Pförtners über der Stuhllehne. Das hatte Herr Hargst nun wirklich nicht gewollt! Es blieb ihm nichts anderes übrig: Mit einem schnellen Blick versicherte er sich, unbeobachtet zu sein, nahm Anlauf und sprang mit aller Wucht seines langen und dürren Körpers gegen die Kabinentüre. Die Tür schwang mit einem lauten Krachen und Scheppern ins Innere des Häuschens. Schon zogen die ersten Rauchschwaden hinaus. Herr Hargst öffnete zur Sicherheit noch die Sprechluke am Fenster und schaute sich um: Der Pförtner war sichtlich ohnmächtig. Allerdings stöhnte er gerade auf und fing an sich unruhig zu bewegen. Nein, dafür war Herr Hargst zu weit gekommen, um sich jetzt nochmal von ihm aufhalten zu lassen. Er zerrte den schweren Mann nach hinten zur Trennwand und fesselte ihn so gut er konnte mit seiner Krawatte an einem Wandrohr. Endlich war er drinnen und konnte sich auf die Suche nach den Steuerelementen des Häuschens machen!

Fortsetzung folgt…



Kommentar verfassen

noch mehr: rss | email | twitter