agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (6)

Der Rauch verzog sich schnell, so dass Herr Hargst recht bald Tür und Fenster schließen und sich in aller Ruhe in dem Häuschen umschauen konnte. Von außen hatte das Häuschen recht einladend und aufgeräumt gewirkt, hier im Inneren zeigte sich das kalte Durcheinander einer Maschine. Der Schreibtisch war nicht nur chaotisch, die Spuren der Jahre waren auch nicht an ihm vorbei gegangen. In der minzgrünen Lackierung des Tischblatts fanden sich kleinere und größere Macken. An einigen Stellen blätterte die Farbe ab und zeigte sogar Rostflecken. Das Häuschen stammte noch aus der Zeit vor der Verfügbarkeit günstiger Aluminiumlegierungen. Auch die Innenwände – in der gleichen minzgrünen Farbe gestrichen – bestanden wohl aus einer art Verschalung dicht aneinander liegender dünner Metallplatten. Die Platten waren mit großen Schrauben fixiert. So kalt der Innenraum auch war, er verlieh dem Häuschen umso mehr das Erscheinungsbild einer Kommandobrücke auf einem Schiff oder in einem Unterseeboot. Zunächst einmal wies aber nichts auf ein mögliches Steuerpult hin. Metallplatten und Schrauben hin oder her, nur auf dem Schreibtisch war eine kleine Bedienkonsole montiert. Ein paar große Knöpfe, vier aus Kunststoff – rot und weiß – zwei aus Metall und ein Mikrofon waren dort angebracht. Recht schnell begriff Herr Hargst, dass man mit den Knöpfen die Schranken links und rechts des Pförtnerhäuschens heben und senken und das Mikrofon und die im Fenster eingelassene Sprechluke ein- und ausschalten konnte.

Während er noch die Fenster nach Hinweisen oder Schaltern untersuchte, sah er, dass wieder eine größere Gruppe Passanten aus Richtung der Straßenbahnhaltestelle auf die Klinik zuging. Er wusste, dass das Häuschen sich selbst und ihn auch prinzipiell verstecken konnte. Ob es das aber auch täte, war eine ganz andere Frage. Sobald einer den gefesselten Pförtner bemerkte, würde es Ärger geben. Ärger, den Herr Hargst ganz und gar nicht gebrauchen konnte. Eine der Frauen aus der Gruppe schien auch recht zielstrebig auf das Häuschen zu zu marschieren. Herr Hargst wurde nervös. Was wollte die Frau? Und dann auch noch eine Frau! Er wusste doch gar nichts. Was sollte er tun? Ein kurzer Blick auf den immer noch nicht wirklich wachen Pförtner ließ ihn erahnen, dass dieser keine Hilfe sein würde. Herr Hargst blickte leicht panisch auf: Die Frau würde gleich am Fenster klopfen!

Er schaute sich nochmal genau in der Kabine um: Metallplatten, Grün, Schrauben, hier musste doch irgendwo irgendwas sein. Die Frau war schon ganz nah. Sie lächelte ihm bereits durch die Scheibe durch zu. Das war nicht gut, gar nicht gut. Das Häuschen hatte wohl keinerlei Absicht, ihn zu tarnen. Vielleicht konnte er die Frau irgendwie ablenken. Sie stand schon am Fenster und bewegte ihre Lippen. War sie stumm? Oder doch eine Agentin? Sie klopfte jetzt auch. Herr Hargst drückte ein wenig planlos auf den Knöpfen der Bedienkonsole. Abgehackt konnte er die Stimme der Frau hören. Stimmt! Die Knöpfe für das Mikro! Herr Hargst drückte den kalten Metallknopf und bemühte sich professionell zu wirken:

“Ähm, ja, bitte?”, entfuhr es ihm mit einer noch recht wackeligen Stimme.

“Ach, da sind Sie ja. Ich hatte schon gedacht, da ist gar keiner. Sind Sie neu?”

“Neu?”

“Wo ist denn der nette Herr hin, der hier sonst immer sitzt?”

“Der ist …”, Herr Hargst blickte unwillkürlich zum Pförtner, “ähm,…, indisponiert. Ja, genau, das ist das richtige Wort: indisponiert.”

“In was ist der? Ich verstehe Sie so schlecht. Hören Sie, ich kann Sie gar nicht richtig sehen wegen der Sonne”, sagte die aufdringliche Frau und legte ihre Hand an die Scheibe. Dieses neugierige Biest versuchte in sein Häuschen zu lugen. Sie kannte auch noch den Pförtner. So viel Pech konnte man doch gar nicht haben. Jetzt murmelte der Mann auch noch und stöhnte. Verdammt! Herrn Hargst wurde es plötzlich sehr warm unter seinem langen Mantel.

“Ja, was… Was kann ich denn für Sie tun? Ich meine, was wollen Sie denn? Die Blutspendezentrale hat heute zu!”

“Sie sind aber mal unhöflich! Ich komme wegen der Kalender.” Sie hob dabei ihre dicke Tasche hoch und wedelte damit vor dem Fenster herum.

“Kalender? Wieso Kalender?”

“Hat man Ihnen das nicht gesagt? Ich komme mit den neuen Kalendern. Die Spiralkalender fürs neue Jahr.”

“Ich weiß von nichts!”, entfuhr es Herrn Hargst wahrheitsgemäß.

“Ja, dann egal, dann lassen Sie mich einfach rein.”

“Rein?! Nein, das geht nicht.”

“Was? Wieso denn? Sie brauchen doch die Kalender.”

“Nein, ich brauche keinen Kalender. Gehen Sie weg.”

Die Situation wurde immer ungemütlicher. Die Frau versuchte schon wieder ins Innere zu schauen. Wie sollte Herr Hargst sie denn los werden? Die war dermaßen penetrant und eine Mission hatte sie anscheinend auch. Leute mit Missionen sind immer ein Problem. Es musste doch hier irgendwas geben! Im verzweifelten Versuch, ein Stoßgebet zum Himmel fahren zu lassen, riss Herr Hargst seinen Kopf nach oben. An der Decke verliefen Kabel. Kabel, die an den Fensterrahmen nach unten, unter den Schreibtisch führten. Herr Hargst ignorierte die immer lauter werdende Frau und krabbelte schnell unter die Platte. Da, ein kleiner Kasten mit Pfeilen nach unten und oben. Er drückte einen Knopf: Was hatte er schon zu verlieren? Mit einem Klackern und Summen fuhr eine Jalousie an einem Teilfenster herunter. Jemand hatte sein Gebet erhört. Er drückte alle nach unten zeigenden Knöpfe schnell nacheinander und sah mit sich ausbreitender Ruhe, wie die Tarnung des Häuschens herunterfuhr. Die Frau mit ihren Kalendern zappelte noch ein wenig vor der Fensteröffnung, verschwand aber alsbald aus Herrn Hargsts Sichtfeld. Zu guter Letzt schaltete Herr Hargst das Mikro stumm und lehnte sich im Dunkeln zurück.

Fortsetzung folgt…



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