agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (7)

Er atmete tief aus und ließ sich genüsslich in den Sessel sinken. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Dieser Stress! Die Stille und Dunkelheit legten sich wie eine Decke über ihn. Das grelle Sonnenlicht und die schnatternden Geräusche von außen ebbten immer mehr ab. Endlich war er in seinem Boot angekommen. Nach einer Zeit hatten sich seine Augen an die Dunkelheit und seine Ohren an die gedämpften Geräusche in der Kabine gewöhnt. Er hörte das Summen elektrischer Geräte, ab und an knarzte der Sessel ein wenig unter ihm. Dann war da noch der ruhige und regelmäßige Atem des Pförtners. Wie gerne hätte er sich eine kleine Pause gegönnt, ein wenig ausgeruht. Es war bestimmt auch schon längst Zeit für einen kleinen Imbiss. Überhaupt war der Tag bisher sehr anstrengend gewesen. Das war er nicht gewohnt. Besondere Aufgaben bedurften aber auch besonderer Anstrengungen, dachte sich Herr Hargst und machte sich ans Werk: Es wurde Zeit, die Kommandoeinheit des Bootes zu suchen.

Er hatte bisher zwei Schalttafeln gefunden, den oberen Kasten für Schranken und Mikro würde er auf keinen Fall wieder anfassen. Aber wo ein Schaltkasten war, konnte auch ein weiterer sein. Herr Hargst griff in die Taschen seines Mantels, tastete nach seiner kleinen Taschenlampe und kletterte unter die Tischplatte. Wie auch auf dem Schreibtisch selbst war es hier nicht so sauber und aufgeräumt, wie man hätte von außen erwarten können. Riesige Kabelstränge zogen sich durch Staub und Dreck der Jahre. Dicke Kabel, dünne Kabel, alles lief irgendwohin und kam von irgendwoher. Zunächst versuchte Herr Hargst einzelnen Kabeln mit dem Blick zu folgen. Sie entschwanden ihm aber, verdrehten sich, tauchten in dem Wust all der Kabeltrassen unter, um irgendwo wieder aufzutauchen, wohin Herrn Hargst ihnen nicht folgen konnte. Vor lauter Kabelwald und Staub wurde ihm ganz schwindelig. Enttäuscht und müde setzte er sich erst einmal wieder hin. Er schaute sich in der Kabine um. Es war ihm, als wäre das ganze Häuschen nur so von Kabelgewust gefüllt. Wie in einem furchterregendem Gewächshaus sponnen sich die wuchernden Kabelbäume durch das Innere der Kabine. Ein Gespinst von unendlich verzweigten Wurzeln stieg unter dem Tisch und an den Fensterrahmen empor, um dann weiter an der Decke sein Unwesen zu treiben. Herrn Hargst wurde die Brust ganz eng.

Verzweifelt suchte er mit seinem Blick nach etwas außerhalb der erstickenden Kabeltriebe. Da! Von der grün-blauen Verschalung der Rückwand hielten sich die Kabel fern. Als wäre sie verseuchtes Land, an dem nichts gedeihen konnte. Herr Hargst stand auf und suchte die Wand nach irgendeinem Hinweis ab. Im Schein der kleinen Lampe konnte er aber nichts besonderes erkennen, zumal der Großteil der Wand von einem riesigen Stadtplan von Berlin verdeckt war. Zaghaft klopfte er an die Wand. Ein metallener Klang erfüllte die Kabine. Schritt für Schritt, Platte für Platte untersuchte er mit dem schnellen Klopfen seiner Handknöchel. Klopf, klopf. Klopf, klopf. Am Spreekanal hielt er inne. Irgendetwas war anders. Er klopfte nochmal und nochmal. Ja, hier klang das Klopfen eindeutig anders: hohl. Er dehnte das Klopfgebiet aus. Die Platte oberhalb klang wieder normal, aber die unten: die war wieder hohl. Aufgeregt arbeitete sich Herr Hargst weiter nach unten. Alle Platten bis auf den Boden hinunter klangen hohl! Hier musste irgendetwas sein. Ein geheimer Durchlass etwa? Er packte die Tafel mit dem Stadtplan und wollte sie mit einem starken Zug von der Wand wuchten. Statt dessen landete er recht unvermittelt auf dem Hosenboden. Die Tafel hing unerschütterlich an der Wand fest. Hatte er vielleicht irgendwo Werkzeug gesehen? Langsam wurde das Licht der Lampe schummeriger und aus der Ecke neben der Wand hörte er ein Gemurmel. Den Pförtner hatte er fast vergessen. Der Mann schien sich langsam wieder zu regen.

Fortsetzung folgt…



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