agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (9)

Die Geisel regte sich langsam aus ihrer Vernebelung.

“Wasser,” krächzte der Pförtner.

Wasser? Wo sollte er jetzt Wasser auftreiben? Warum mussten diese Dinge immer so kompliziert sein? In den Büchern sah das anders aus. Er hätte doch ein Held sein müssen. Er, der Befreier des Häuschens. Statt dessen saß er im Dunkeln in einer Metallkabine fest, umringt von der Feuerwehr und mit einer krächzenden Geisel. Was für ein Elend. Er war doch kein schlechter Mensch. Schon gar nicht ein Geiselnehmer. Der Pförtner hätte doch rauslaufen sollen. Der Plan war genial gewesen. Nur der Pförtner hatte nicht mitgespielt.

Das Häuschen trug keine Schuld. Dieser bezaubernd blassgrüne, im Regen triefende Anstrich erinnerte Herrn Hargst an jenen Sommerurlaub in der Bretagne. Er war dort zwei Wochen lang in der Bucht von Cancale verblieben und hatte es in all der Zeit nicht geschafft, sich an dem Wechsel der Gezeiten satt zu sehen. Seine Bestimmung war es damals gewesen, Teil dieser Bucht zu werden. Im Takt von Ebbe und Flut zu schwingen, sich in den Farben von Schlamm, Wasser und Himmel aufzulösen. Jetzt, all die Monate später, bekam er eine neue Gelegenheit. Das Häuschen war wahrscheinlich seine letzte Chance, dieser von Dreck und Lärm verstopften Stadt ein für alle Mal zu entkommen. Daran würde ihn weder der Pförtner, noch die Feuerwehr, noch sonst jemand hindern: Er würde auf seine Reise gehen.

Der Pförtner krächzte immer noch angestrengt vor sich hin. Langsam stieg auch eine ungesunde Röte in sein Gesicht. Er musste dem Mann Linderung verschaffen. Herr Hargst wühlte unter dem Schreibtisch herum und fand dort die schwarze Ledertasche mit ein paar belegten Stullen, einer weiteren grünen Mappe und einer großen Flasche Wasser. Er flößte es dem Pförtner behutsam ein.

Mit einem langem Hustenanfall kam Manfred – seit alters her Freddy genannt – Scholl langsam zu sich. Sein Kopf dröhnte, sein Hals kratzte. Wieso saß er auf dem Boden? Warum tat seine linke Hand so weh? Um ihn herum sah alles irgendwie verschwommen aus. Er machte seine Augen mehrmals auf und zu und blickte dann in ein bekanntes aber bei weitem nicht erfreuliches Gesicht: Es war der Bekloppte von vorhin.

Eigentlich war Freddys Tag bisher völlig normal abgelaufen. Wenn man den Bekloppten nicht einberechnete. Dass der ihm Ärger machen würde, war Freddy vom ersten Moment an klar gewesen. Er machte seinen Job ja nicht erst seit gestern. Krankenhäuser zogen Verwirrte und Irrsinnige anscheinend magisch an. Die meisten aber waren harmlos. Dieser jedenfalls hatte Freddy seinen ruhigen Feierabend gründlich vermasselt. So etwas würde er sich nicht bieten lassen. Schließlich war im Spree-Eck heute Schnitzeltag.

“Se sind wirklich völlig durchjeknallt!“ schimpfte er mit krächzender Stimme drauf los. „Wat machenSe hier eijentlich?!”

“Das Häuschen! Ich muss doch auf die große Reise.”

Hatte er sich verhört? Oder stand es um den Mann wirklich so schlimm?

“Det ist ‘ne Pförtnerkabine. Hier kann man de Jalousien rauf und runter schalten oder de Schranken draußen.”

“Sie verstehen das nicht. Schauen Sie sich doch einmal um!”

Das war bestimmt einer von diesen Erleuchteten. Die sahen immer allerhand. Da war jede Diskussion überflüssig.

“MachenSe, watSe wollen. Nur lassen Se mich aus der Sache raus.”

“Wollen Sie hier einfach nur auf dem Boden herumsitzen? Sie könnten helfen.”

Das fehlte noch. Dass er – Freddy Scholl – sich hier noch in irgendeinen Unfug reinziehen ließ. Mit Bekloppten musste man entschlossen sprechen und klare Anweisungen geben.

“Janz bestimmt nicht. Entweder Se lassen mich jetzt raus hier oder Se schalten mir den Fernseher ein. Ick verpass’ gerad‘ meene Natursendung. De Fernbedienung is’ da inner Schublade.”

Fortsetzung folgt…



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