agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (10)

Völlig überrumpelt und auch ein wenig hilflos reichte Herr Hargst dem Pförtner die Fernbedienung. Mit einem kurzen Summen erwachte der kleine, an der Decke hängende Fernseher zum Leben. Über den Bildschirm zog ein Kajak durch die ruhigen Wasser einer Schilflandschaft. Freddy Scholl lehnte sich demonstrativ entspannt zurück und hoffte damit so gefasst auf den Bekloppten zu wirken, wie ihm das mit seiner am Heizungsrohr hängenden Hand nur möglich war. Nur keine Angst zeigen. Das war in Situationen wie dieser bestimmt nicht günstig.

Vom Pförtner war also keine Hilfe zu erwarten. Nun denn. Herr Hargst machte sich wieder daran den Stadtplan an der Rückwand zu inspizieren. Wie er schon befürchtet hatte, war der auf einer Platte aufgetragen, die ihrerseits wiederum an mehreren riesigen Schrauben an der Wand hing. Er brauchte Werkzeug.

“Sagen Sie mal, Herr Pförtner…”, versuchte es Herr Hargst.

“Hm? Ick heeße Manfred. Manfred Scholl. Herr Scholl für Se. Wat wollenSe?”, gab er abwesend von sich.

Bevor Herr Hargst ihm antworten konnte, sprang plötzlich eine Frau mit einem riesigen Mikrofon und vom Wind zerzausten Haar in das Fernsehbild.

“Wie uns die Polizei mitteilte, hält sich der unbekannte Geiselnehmer immer noch im Pförtnerhaus der Charité auf. Seine Motive sind bisher noch völlig unklar. Das Gelände ist abgeriegelt worden und der Bereich Seestraße sollte weiträumig umfahren werden.”

Pförtner Scholl kommentierte lakonisch: „Wir sind jetzt im Fernsehn.”

Herr Hargst stöhnte auf.

“Haben Sie Werkzeug? Schraubenzieher? Ich muss die Platte da entfernen.”

“Is nich wahr…” Freddy Scholl verdrehte die Augen. Dieser Irre würde ihn nicht in Ruhe lassen. Sein Tag war eh schon ruiniert und mit Bekloppten sollte man ja angeblich auch nicht zu viel diskutieren. “PassenSe auf: Se binden mich hier vonnem Heizungsrohr los und ick geb‘ Ihnen de Werkzeugkiste.”

Herr Hargst zögerte nur ganz kurz. Pförtner Scholl schien seine Bärbeißigkeit wenn nicht verloren, so doch ein wenig eingebüßt zu haben. Was sollte der Mann denn schon machen? Klar, er könnte auch die Jalousien hoch ziehen oder dem Häuschen geheime Befehle geben. Andererseits brauchte Herr Hargst das Werkzeug: dringend.

Er friemelte seinen schlampigen Krawattenknoten vom Handgelenk seiner Geisel. Von seiner Fessel befreit richtete sich Pförtner Scholl zunächst auf, streckte sich ein wenig und massierte sich das Handgelenk. Sein Gesicht verzog sich in einer schmerzhaften Grimmasse. Unter Fluchen und Stöhnen begab er sich dann schwerfällig auf alle Viere, krabbelte unter die Tischplatte, rumorte im Dunkeln herum und schob Herrn Hargst anschließend eine alte Metallkiste zu: “Hier. TobenSe sich aus.” Mit diesen Worten ließ er sich in den Sessel vor den Fernseher fallen und widmete sich wieder den ruhigen Gewässern der mecklenburgischen Seenplatte, während sich Herr Hargst mit größtem Eifer an der Platte zu schaffen machte.

“HIER SPRICHT DIE POLIZEI!!!”

Das Megafon schreckte die beiden Männer gehörig auf. Das Fernsehbild flackerte. Die Seenplatte verschwand und ins Bild kam wieder die Frau mit dem Windhaar.

“Wie Sie hören können, hat die Polizei die Verhandlungen mit dem Geiselnehmer bereits aufgenommen.”

Fortsetzung folgt…



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