agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (11)

“Geiselnehmer? Was für ein Geiselnehmer? Was erzählt die Frau da?!”, rief Herr Hargst.

“Se sind der Geiselnehmer. Ick bin de Geisel.”, Pförtner Scholl verdrehte mal wieder die Augen.

“Aber… Ich wollte das gar nicht. Ich will doch nur auf die große Reise gehen.” Herrn Hargsts Stimme überschlug sich ins Jämmerliche.

Freddy Scholl hätte nichts lieber getan, als seine Situation für einen Moment zu vergessen und sich in aller Seelenruhe seinem Fernsehprogramm zu widmen. Mit dem Kanu über die Seen. Vielleicht eher mit einem Kajak. Sich mit den Vögeln am Schilfufer treiben lassen. Das wäre was. Nur leider stand gerade wieder die Reporterin von TV Berlin formatfüllend im Bild und die ruhigen Gewässer waren verschwunden. Was hatte dieser Bekloppte es auch mit seiner Reise? Er schaute sich den Mann das erste mal etwas genauer an: Ein Typ wie eine Bohnenstange, lang und spindeldürr. Mit einer langen Nase, eingefallenen Wangen und schütterem Haar. Er hatte von Mode zwar keine Ahnung aber Hut und Mantel waren nicht gerade zeitgemäß. Sein “Geiselnehmer” war gepflegt und irgendwie verwirrt. Eigentlich eher harmlos. Bis auf die Geiselnahme… Im Moment wirkte er aber eher verloren, wie er da stand, staubig in seinem zerknittertem Mantel und den Schraubenzieher unbeholfen in der Hand hielt.

“SagenSe mal, Herr Geiselnehmer, wat ist det für ‘ne Reise?”

Seine Anspannung hatte sich mittlerweile etwas gelegt. Er konnte sich ja zumindest bis die Polizei reinkam mit dem Mann unterhalten.

“Na mit dem Boot hier.”

“Boot?”

Herr Hargst zwinkerte ein wenig nervös. War das jetzt der richtige Zeitpunkt den Pförtner in sein Geheimnis einzuweihen? Er war sich nach wie vor nicht sicher, welche Rolle der Mann zu spielen hatte. Allerdings hatte sich seine Rolle gerade in eine unangenehme und komplizierte Richtung entwickelt: Geiselnehmer, umringt von Polizei und Fernsehen. Jeder Held brauchte Verbündete. Wahrscheinlich war das der Schwachpunkt seines Planes gewesen: Ihm mangelte es an Helfern.

“Wissen Sie… Waren Sie schonmal in der Bretagne?”

Freddy Scholl war ein wenig vom Themenwechsel überrascht. Andererseits unterhielt er sich tausend Mal lieber über Urlaube denn über Geiselnahmen. Vielleicht konnte er den Bekloppten ja auch irgendwie beruhigen.

“Inner Bretagne? In Frankreich, meinenSe?”

“Genau, an der See. Mit Gezeiten. Die Farben wie Aquarelllasuren.”

“Früher waren wir oft anner See. Wattenmeer. Se wissen schon: Ebbe, Flut, Wasser, Schlick. Immer de Sauerei, wenn de Jungens da reenliefen.”

“Gummistiefel, nicht wahr? Gelbe oder Rote?”

“Jan hatte blaue, Gerd, weeß ick nich’.”

“Nein, nein. Das Blau gehört der See. Sie holt es sich zurück!”

“Hm, ja… Also, wir waren da schon öfter. Ist auch so lange her.” Freddy Scholl lehnte sich im Sessel zurück, faltete die Hände auf dem Bauch und ließ sich ein wenig in seine Erinnerungen zurück treiben. Er wusste wirklich nicht mehr welche Farbe Gerds Gummistiefel gehabt hatten. Aber an den Schlickschlamm konnte er sich noch gut erinnern. Und wie das Zeug stank! Dann saßen die beiden Jungs total erledigt im Bollerwagen und er zog und zog und zog. Über den Deich war es immer am schwierigsten. Da waren sie meist schon eingeschlafen. Er konnte sich noch an das Haar der Jungen erinnern. Wie es ihnen der Wind so zart aus der Stirn strich. Er manchmal auch. Wenn sie schliefen. Wenn keiner guckte…

“…und dieses Mädchen, es hatte gelbe Gummistiefel. Wie die Boote. Sie war ganz dieser Welt entrissen und die nächste Flut würde bald kommen.”

“Ja, aber”, unterbrach Freddy, “Se haben mir jetzt immer noch nichts von Ihrer Reise erzählt.”

“Naja, dieses Häuschen hier, Ihr Häuschen, das hat mich sehr an die Bretagne erinnert. Es sieht ja auch wie ein Boot aus. Von außen, also.”

“Tja, janz ehrlich: Ick hab mir det Ding noch nie wirklich von außen angeguckt. Ick arbeete hier nur. Jetzt ist’ auch ungünstig. Det mittem Rausgehen, meen‘ ick.”

“Ja, das ist wirklich ungünstig. Draußen ist es sehr laut.”

“WissenSe,” sinnierte Freddy, “ick wollte früher mal auch so ‘ne große Reise machen.”

“Tatsächlich?”

“Ja. Ick komm‘ ja von hier und ick wollt‘ mittem Rad los. So ‘ne Sommertour. Ick wollte den janzen Sommer über wech, mittem Rad. Raus auser Stadt, zun Seen.”

“Und wie weit sind Sie gekommen?”

“Na, erst so im Kietz und dann weeter raus, aber dann war ja Ende. Die Mauer. Se wissen schon.”

“Ja, die Mauer… Wie war denn der Sommer?”

“Welcher Sommer?”

“Na Ihr Sommer, der Fahrradsommer.”

“Hm, ist schon so lange her. Heeß war’s, die Luft flackerte richtig.” Pförtner Scholl machte eine längere Pause. Herr Hargst ließ ihm alle Zeit der Welt.

“Ick hatte so ’n Rad, det war viel zu groß für mich Jungen. So große Räder und der Rahmen war schwarz und höllenschwer. Ick kam vom Sattel gar nicht inne Pedale. Ick hab immer nur gestrampelt oder gesessen. Beedes ging nich‘. Heut‘ könnt‘ ick det janich‘. Wie kann man det als Kind? Und dann nich‘ mehr?”

“Ick wollte ja mit den Jungens bolzen. Aber dann war det Rad da und ick dachte, ick kann ennlich inne Welt raus. Ick hab’ mir sogar Stullen jeschmiert,” Freddy Scholl kicherte ein wenig verträumt. “Meene Mutter wusste da nüscht von. Hab’ ick ihr nie erzählt…”

“Und dann?”

“Und dann kam de Mauer und ick bin nich’ weit jekommen.”

“Und später?”

“Da war de Mauer immer noch da. Dann waren andere Dinge dran. Mädchen und Rock’n’Roll. De Lilli und de Jungens und de Mauer war immer da. Wir hatten dann den Kleingarten und später sinwer auch mal anne See gefahren… Dat mit dem Rad war aber nur innem eenen Sommer. Dann war’s vorbei.”

Herr Hargst schaute in das wehmütige Gesicht von Pförtner Scholl. Irgendwo trug wohl jeder so eine unerledigte Reise in sich. Die Mauer war schließlich schon lange weg. Aber der Junge von damals mit dem zu großen Rad saß immer noch hier.

“Ich hab jetzt kein Rad hier, aber wir könnten es ja mit dem Boot versuchen…”

Fortsetzung folgt…



Eine Antwort zu “Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (11)”

Kommentar verfassen

noch mehr: rss | email | twitter