agata góralczyk : texte

Herr Hargst und das Pförtnerhäuschen (12) – Finale

“Se sind echt hartnäckig. Se glauben immer noch, det hier ist ’n Boot?”

Herrn Hargsts Stimme überschlug sich ein wenig: “Was ist denn so schlimm daran, an ein Boot zu glauben und an eine Reise?”

“Gar nichts, wahrscheinlich gar nichts…”

Freddy Scholl schaute den Bekloppten lange an. Der Mann war irre, daran bestand kein Zweifel. Aber da war noch etwas anderes. Er war nicht wirklich harmlos, das nicht. Harmlose verüben keine Brandanschläge. Ehrlich. Der Bekloppte war ehrlich bis auf die nackte Haut. Er wollte eine Reise machen, aus seiner Welt raus. Wer konnte ihm das denn verübeln? Freddy bestimmt nicht. Er dachte an seine grüne Mappe. Schaute auf die Uhr. Es war schon Nachmittag. Normalerweise säße er jetzt in seiner Stammkneipe, im Spree-Eck. Heute war schließlich Schnitzeltag. Er würde sich die Nachrichten anschauen, mit den Männern dort ein paar stumme Biere trinken und morgen wieder hier sitzen. Bald würde es hier eh ungemütlich werden, wenn die Polizei erst wirklich einschritt.

Er stand mühsam auf, klopfte sich den Staub von der Hose und schaute die Wandtafel mit der Karte mit prüfendem Blick an: “De muss runter, ja?”

Herr Hargst zögerte keinen Augenblick: “Ja, dahinter ist ein Hohlraum, da muss die Schaltanlage sein.”

“Hm. GebenSe mir den Schraubenzieher. Nein, den andern.”

Er war ein geschickter Handwerker – geschickter jedenfalls als Herr Hargst, der schon mit der Anzahl der Werkzeuge in der Metallkiste überfordert war, geschweige denn mit deren Funktion. Die Schrauben waren zwar zunächst hartnäckig, aber dann doch nicht widerspenstig genug. Nach wenigen Minuten hatten die beiden Männer die Karte von der Wand gelöst.

“Nanu!”, rief Freddy voller Erstaunen. In der Wand dahinter war eine Türe eingelassen. Davon hatte Freddy in all den Jahren nie etwas mitbekommen.

“Da ist sie bestimmt! Die Steuerung!”, Herr Hargst war außer sich und rüttelte mit seinen dünnen Flatterarmen bereits an der Klinke. Nichts geschah, die Türe klemmte.

“MachenSe Platz da.” Freddy Scholl stemmte sich mit all seiner Masse gegen die Türe, hob sie an der Klinke an und gab ihr mit der Schulter noch einen festen Ruck. Mit einem fürchterlichen Quietschen und Schaben drückte er sie ruckweise auf.

Drinnen flackerte müde eine vergilbte Glühbirne in ihrem Drahtkäfig. Herr Hargst trat vorsichtig hinein, Freddy dicht dahinter. Der Raum hier war wesentlich kleiner als die vordere Pförtnerkabine. An den Wänden waren auf mehreren Schalttafeln Lichter und Schalter angebracht. Über allem lag eine dicke Staubschicht. Die beiden Männer blieben wie angewurzelt stehen.

Auch wenn Herr Hargst felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass es hier eine Steuereinheit geben musste, war es etwas ganz anderes, diesen geheimen Raum endlich mit den eigenen Augen zu sehen. Es war nicht mehr lange. Bald würde er fahren. Bald.

Freddy Scholl hingegen hatte nichts erwartet. Den ganzen lieben Tag über erwartete er nichts. Tag ein, Tag aus. Heute war ihm dabei etwas dazwischen gekommen.

“WissenSe was?”, flüsterte Freddy Scholl als wollte er den Staub nicht stören. “Wir könnten es übern Hohenzollernkanal versuchen.”

Herr Hargst schaute ihn verständnislos an.

“Wir müssen zum Wasser. Se sind auch echt ’n Vogel. HabenSe schon ‘mal drüber nachgedacht, det ’n Boot Wasser braucht?”

Herr Hargst fing an, nervös mit den Händen an seinem Mantel rumzufummeln.

“Keene Panik,” Freddy packte Herrn Hargst am Mantel und zerrte ihn zu der großen Karte, die sie gerade eben noch von der Wand gestemmt hatten. “Hier, schauenSe. Hier ist der Kanal. Der geht bis Eiswerder und dann zum Tegeler See. Dann sinwer aufer Havel. VerstehenSe?”

Herr Hargst schaute gar nicht auf die Karte. Er schaute den Pförtner wie eine Erscheinung an. Soweit hatte er gar nicht geplant. Ehrlich gesagt, hatte er gar nichts geplant. Er wollte doch nur mit dem Boot… Pförtner Scholl schien es ernst zu meinen.

“Dann sind wir frei?”

“Dann sinwer frei”, antwortete Freddy.

Sie gingen in den Schaltraum, schlossen die Türe und studierten die Knöpfe, Lämpchen und Hebel. Die Fernsehbilder in der Pförtnerloge wurden immer unruhiger. Ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Schauplatz, Psychologen und andere Experten wurden herangezogen. Es handelte sich schließlich um eine Geiselnahme. Die beiden Männer aber waren unberührt von alledem. Wie ein eingespieltes Team arbeiteten sie auf der Kommandobrücke ihres Schiffes. Als die Polizei draußen mit Megafon lautstark verkündete, sie würden jetzt rein kommen, hatten sie sich gerade auf eine Schaltfolge geeinigt. Geschickt legten sie die Hebel um, die Lämpchen leuchteten auf. Ein Motor rappelte sich verstaubt röhrend ins Leben und das Häuschen gab sich endlich einen Ruck. Freddy Scholl und Herr Hargst konnten vor lauter Motorengedröhne nichts mehr hören. Sie lächelten einander nur zu. Groß und aufrecht standen sie da, bereit zu allem, was nun kommen möge.

Als die Rauchgranate der hereinstürmenden Polizei im Vorraum explodierte, warf die Druckwelle die beiden Männer zu Boden. Sie hatten in der kleinen Kammer schon vorher kaum Luft bekommen und sich nur mit letzter Mühe auf den Beinen gehalten. Große Aufgaben verleihen einem manchmal übermenschliche Kräfte. Die Sanitäter fanden die beiden mit einem ungewöhnlichen Ausdruck von Glückseligkeit auf ihren blassen Gesichtern. Im Fernsehbild, das es für einen Moment schaffte, in den Vorraum zu lugen, flogen noch Freddy Scholls ausgeschnittene Reiseberichte aus der grünen Mappe und durch den Rauch.



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