agata góralczyk : texte

Zekiyes Schleier

Das Mittagessen lag noch in weiter Ferne, da hatte Zekiye – neunte Tochter der dritten Frau des Sultans – ihre Seidenschleier allesamt nach Farbe, Muster und Größe sortiert. Seit dem Aufstehen dreimal bereits. Sie erwog, sie vielleicht noch einmal durchzugehen, diesmal nach der Art wie Ayşe es letzte Nacht vorgeschlagen hatte. Ayşe allerdings neigte zu unsinnigen und gefährlichen Ideen, die selten etwas Gutes brachten: im besten Falle die gänzlich unnötige Aufmerksamkeit der Eunuchen und im schlimmsten die einer der Frauen des Sultans. Einmal hatte sie es soweit gebracht, dass die Sultansmutter sie beim Abendmahl direkt angeschaut hatte. Die Sultansmutter – die Höchste Wiege der Herrschaft! Kein flüchtiger Blick unter einem Lidschlag. Nein, einen ganzen Augenblick lang. Wer weiß, was aus der Sache geworden wäre, hätte Ayşes Mutter sie nicht ab dem folgenden Morgen und für die nächsten Monate zu dem ach so traditionsreichen Qānūnunterricht am anderen Ende des Palastes geschickt. Als Zekiye, die keinen gesteigerten Wert auf weitere Musikstunden legte – die bisherigen hatte sie ganz pflichtbewusst absolviert – sich gerade gegen die Neusortierung ihrer Seidenschleier entschieden hatte, hörte sie ein ordentliches Rums aus der Westecke des Palastes. Ein Rums konnte so vieles mit sich bringen: eine Abkühlung durch ein Gewitter oder eine öffentliche Auspeitschung für einen tollpatschigen Diener. Zekiye wäre beides recht gewesen. Es war seit Tagen unendlich heiß und mit ihren 16 Jahren hatte sie für ihr Dafürhalten entschieden zu wenige nackte, männliche Oberkörper gesehen. In Ermangelung einer Alternative beschloss sie also dem Rums nachzugehen, zumindest bis zum Mittagessen.

Sie verließ ihren pfirsichfarbenen Ankleideraum an dem Ring der Fußwaschbecken vorbei und wollte gerade zu den Zierfischteichen. Rums! Erschrocken sprang sie zur Seite. Einige der aberhundert kleinen Mosaiksteine hatten sich aus dem Mörtel an der Einfassung der Becken gelöst und funkelten in satten Blautönen zu ihren Füßen. Das sich ewig wiederholende, hypnotische Spiel der Wellen, das ein Künstler hier vor Jahrhunderten verewigt hatte, war nun von einem hässlichen Makel unterbrochen. Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie zahllose Sommerstunden damit verbracht, mit dem Blick dem Fluss der Ornamente zu folgen. Als kleines Mädchen fuhr sie gerne an den endlosen Linien und Kurven der Diwaniinnschriften mit dem Finger entlang. Hier träumte sie einst Kalligrafin zu werden. Hier fand sie Frieden in den immer gleichen Wogen der Lobpreisungen des Allerhöchsten. Nun lagen die Steine verstreut wie Perlen zwischen ihren lackierten Zehennägeln und den Mustern auf ihren Fußrücken. Zekiye eilte schnell weiter.

Das nächste Rums erwischte sie bei den Zierfischen. Das Wasser in den sonnendurchfluteten Räumen schwappte heftig und einer der Fische wurde dabei herausgeworfen. Sie konnte nicht anders als den zappelnden Karpfen mit offenem Mund anzustarren. Das sonst so graziöse Geschöpf wand sich – geworfen aus seinem Element – in Panik herum und zappelte nutzlos auf den Keramikfliesen. Zekiye schluckte. Die Teiche waren der Stolz der ersten Frau des Sultans. Sie achtete immer penibel darauf, dass die Zierkarpfen heiter und geschmeidig ihre Runden drehten. Sicherlich würde sie das Fehlen des Fisches merken. Sie riss sich aus ihrer Starre und versuchte das glitschige Wesen einzufangen. Ihre staubigen Füße rutschten auf den Fliesen herum und sie stieß sich schmerzhaft einen Zeh. Der Fisch stellte sich selten dämlich an und flutschte ihr ständig aus den Händen. Am Ende saß Zekiye klitschnass in einer Ecke, ihre Haare hingen in verschwitzten Strähnen herunter und ein roter Karpfen trudelte mit dem Bauch nach oben durch die Teiche. Sie musste ein wenig nach Luft schnappen. Was machte sie hier eigentlich? Die Zierfischteiche waren ja noch relativ harmlos. Wenn sie hier jemand um diese Tageszeit erwischte, könnte sie noch irgendeine plausible Ausrede erfinden: Sie wolle sich von dem Treiben der Fische für ein Gedicht inspirieren lassen oder einen ähnlichen Kram. Hinter den Zierfischteichen hatte Zekiye ohne einen konkreten Grund vor dem Mittagessen allerdings nichts zu suchen.

Rums! Wenn sie auf einen Eunuchen traf, könnte sie vielleicht behaupten, sie hätte sich verlaufen. Wenn sie Ayşe glauben wollte, nahmen die einem sowieso den letzten Unsinn ab – je dümmer desto besser. Sie lugte vorsichtig durch den Rundbogen um die Ecke. Der Gang zum Badepavillon war ungewöhnlich leer. Badezeit war eigentlich erst am Nachmittag oder Abend, wenn sich die Frauen den Schweiß und Schmutz des Tages abwuschen. Zekiye mochte das Bad nur zu gerne. Sie genoss es in die verschieden warmen Becken einzutauchen: manchmal streng nach der Reihe und manchmal nach Lust und Laune. Um diese Tageszeit standen sie allerdings leer. Das Licht flackerte durch die hohen Buntglasfenster und spielte mit dem Wasser. Ohne das gewohnte Plätschern und das Lachen der badenden Frauen wirkte der Raum verlassen. Auf einmal fühlte Zekiye sich von den steinernen Sitzbänken und der Kühle der hohen Decken beengt. Das nächste Rums trieb sie zur Eile. Sie wollte raus hier. Raus aus dem grau-blau der Wandornamente und dem aufdringlichen Wasserrinnen des Brunnens.

Getrieben lief sie schnell zum gegenüberliegenden Durchgang. Vor ihr lag der Innenhof. An einem normalen Tag war er voll von Eunuchen, die ihrem Tagewerk nachgingen und nach dem Rechten sahen. Heute war er menschenleer. Dahinter lagen die Kinderhöfe und dahinter, da konnte sich Zekiye nicht erinnern, je gewesen zu sein. Sie überlegte noch, wo sie nun als nächstes hin wollte, als sie Stimmen aus dem Nordgang hörte, die schnell lauter wurden. Sie sah sich noch nicht bereit, die Dummheit der Eunuchen auf die Probe zu stellen und flüchtete schnell über den Innenhof in einen kleinen Durchgang.

Die erregten Stimmen eilten an ihr vorbei. Die hohe Südmauer des schmalen Ganges spendete selbst in der Mittagshitze wohltuend kühlen Schatten. Auf der Nordseite gab das aufwändig geflochtene Blattwerk der Gitter und Bögen den Blick auf einen weiten Hof frei. Auf den Wiesen und zwischen den Blumen tollten zahlreiche nackte Kinder herum. Die Kleinsten krabbelten, die etwas Älteren jagten den Pfauen und Papageien hinterher. Mit einer gewissen Freude stellte Zekiye fest, dass die Vögel nicht weniger Federn als noch zu ihrer Zeit besaßen und auch die Beliebtheit der Schaukeln seitdem nicht nachgelassen hatte. Sie wusste, dass viele der jungen Mädchen aus den inneren Höfen sich öfter hierher schlichen, um den Kindern beim Spiel zuzuschauen. Sie hatte dem Gedanken allerdings noch nie etwas abgewinnen können. So schön ihre Kinderspiele gewesen waren, so wenig Interesse hatte Zekiye nun daran, Pfauen zu jagen oder Fangen zu spielen. Sie fing den Blick einer jungen Mutter auf, die ihr Neugeborenes in den Armen trug. Wessen Frau sie wohl war? Wer bei ihr gelegen hatte? Wie mochte das sein: Mutter sein? Eines Tages würde Zekiye ihre pfirsichfarbenen Räume für immer verlassen müssen. Das nächste Rums riss sie aus ihren Gedanken. Der Sonne nach zu urteilen, hätten die Eunuchen schon längst Obst für die Kleinen gebracht haben müssen.

Ungesehen flitzte sie zum anderen Ende des Ganges. In einem weiten Bogen verlief hier ein breiter, zum Teil überdachter Weg um die Inneren Höfe. Wenn sie hier einer der schwarzen Eunuchen erwischte. Nun, Ayşe konnte es in ihrer Kühnheit vielleicht auch mit denen aufnehmen, Zekiye sicherlich nicht. Sie huschte in einem Moment der Stille zum Durchlass gegenüber und trat kurzerhand hinter einen Vorhang. Der schwere, dunkle Stoff umfing sie augenblicklich und sie hatte in kürzester Zeit die Orientierung verloren. Wie beim Tauchen in nächtlichen Gewässern trieb Zekiye durch eng verwinkelte Gänge und Faltenwürfe samtener Stoffbahnen. Sie war blind oder es war sehr dunkel. Wahrscheinlich letzteres. Sie hatte noch nie davon gehört, dass es einen Trakt im Palast gäbe, der blind machte. Stimmen tauchten weit hinter oder neben ihr auf. Sie kamen immer näher, jemand war auf dem Weg vor dem Vorhang oder der Weg war neben ihr. Schritt für Schritt tastete sich Zekiye durch diese Landschaft aus streichelnden Schatten. Ein süßlich-minziger Duft stieg ihr entgegen. Langsam nahmen ihre Augen ein dämmriges Licht wahr. Sie war im Vorraum zu einem großen, prunkvollen Gemach. Die Lichtöffnung in der Decke war mit schweren Tüchern verhängt, so dass sie die üppigen Schnitzereien an den Wänden nur erfühlen, aber nicht erkennen konnte. Im Gemach selber ging der mit dicken Teppichen bedeckte Boden in ein hohes Bettpodest über. Überall lagen Kissen und Tücher verstreut. Die Luft war schwer von der Minze. Zekiye wurde es ein wenig schwindelig. Sie hatte der Wasserpfeife bisher nicht viel abgewinnen können. Von der hinteren Ecke des Podestes hörte sie immer wieder ein dumpfes Stöhnen. Irgendjemand bewegte sich dort schwerfällig. Ein riesiger Leib schien sich unter all den Tüchern und Decken zu wälzen. Zekiye glaubte schon eines der wundersamen Tiere aus den Erzählungen ihrer Kindheit erwischt zu haben, als sie einen Fuß erblickte. Einen ganz und gar menschlichen Fuß. In wessen Räume war sie hier eingedrungen? Würde sie jemals hier wieder herausfinden? Der Fuß folgte dem stöhnenden Leib und erschlaffte dann wieder. Die Zehennägel waren rot lackiert, der Fußrücken verziert. War sie etwa schon im Trakt der Konkubinen angekommen? Die Tücher verrutschten immer wieder neu und eine Wade kam zum Vorschein. Dann ein Arm. Die Haut hatte schon viel Sonne gesehen, in trägen Falten hing sie herab. Eine Hand, zierlich und klein, daran ein Ring, bei dessen Anblick Zekiye sehr unwohl wurde. Vielleicht war es ein anderer Ring? In der Dunkelheit hier konnte man das eh nicht so genau sagen. Vielleicht war es aber der Ring. Vielleicht steckte Zekiye in wesentlich größeren Schwierigkeiten, als sie eh von Anfang an befürchtet hatte. Rums! Der Leib stöhnte laut. Schwarzes Haar ergoss sich über die Kissen. Die Tücher rutschten zur Seite. Wäre nicht der Ring gewesen, hätte Zekiye große Mühe gehabt das Gesicht zu erkennen. Aufgedunsen, mit verschmierter Kohle im Gesicht lag sie da. Ein dünner Speichelfaden rann ihr aus dem Mundwinkel. Mit der linken Hand versuchte sie unter Stöhnen und Brabbeln wieder der Wasserpfeife habhaft zu werden. Noch bevor das nächste Rums die Frau zu weiterem Stöhnen verleiten konnte, verließ Zekiye das Gemacht der Sultansmutter – der Höchsten Wiege der Herrschaft – durch eine kleine Seitentüre.

Die Gänge und Korridore hier waren ihr nun völlig fremd. Sie schritt aufs Geratewohl in Türen, durch Bögen oder Vorhänge. Immer wieder hörte sie das Trampeln schwerer Füße oder sah weiße Pumphosen hinter Zäunen verschwinden. Einmal hörte sie ein fürchterliches Scheppern, als hätte jemand einen ganzen Turm an Töpfen und Pfannen umgeworfen. Glas zerbrach, Vorhänge wurden abgerissen. Eine Unruhe hatte diesen Teil des Palastes erfasst, wie sie Zekiye noch nie erlebt hatte. Dennoch hatte sie nicht das Verlangen wieder zurück zu gehen, zurück zu der Ordnung der Seidenschleier. Etwas Begehrenswertes lag in dem Durcheinander, in den Klängen und der Aufregung hier. Sie orientierte sich nur noch nach dem Geräusch, das die ganze Angelegenheit ausgelöst hatte: Rums! Es wurde immer lauter, immer häufiger. Als sie das erste Mal über den in Tüchern verhedderten Körper eines Eunuchen kletterte, rann ihr der Angstschweiß in die Augen. Je mehr Unordnung sie aber sah, desto dringender musste sie wissen, was es mit diesem Rums auf sich hatte. Hunger stieg in ihr auf. Die Mittagszeit näherte sich.

Zekiye war mittlerweile in einem verwirrend labyrinthischen Teil des Palastes angekommen. Der weitläufige Komplex war mit engen und verwinkelten Gängen aus geflochtenem Holz durchzogen. Immer wieder huschte sie an kleinen Ruheräumen vorbei. Manche hatten ein Podest – wie im Raum der Sultansmutter. Andere waren mit Kissen ausgekleidet. In vielen brannte Räucherwerk und verbreitete einen schweren und wohlgefälligen Geruch. Das Licht war manchmal mit Tüchern gedämpft oder durch ein kleines Deckenfenster auf einen Punkt im Raum konzentriert. Bisher waren all diese Räume leer gewesen, bis Zekiye fast an einem unscheinbaren, vergitterten Fenster vorbeigehuscht wäre. Die Geräusche, die aus dem angrenzendem Raum hinüberdrangen, ließen sie aber innehalten. Sie schaute in den Raum und erblickte einen – nein, es waren zwei – zwei nackte Körper. Wie sie umeinander geschlungen waren, wirkten sie in ihrer Vereinigung wie einer. Das lange, gelöste Haar der beiden vermengte sich auf den Kissen, die Leiber bewegten sich in einem gemeinsamen Rhythmus: mal schneller, mal langsamer. Der Raum war von schweren Gerüchen erfüllt: Rauch, Düfte, dem intensiven Geruch der Frau, aber auch einem anderen, fremden, anregenden. Zekiye beobachtete mit Erstaunen die Bewegung der Muskeln, die mit einer so fremdartigen Strenge unter der Haut des Mannes hervortraten: die kräftigen Schenkel hinauf, über das Gesäß und dann über den breiten Rücken. Diesen Teil des Palastes hatte sie irgendwann angefangen zu vermuten. Das Flüstern der Mädchen kam ihr in den Sinn, Ayşes abenteuerliche “Wanderungen”. Rums!

Mit geweiteten Augen und hochroten Wangen lief sie weiter, weiter nach Westen. Beim nächsten Rums erzitterten die Wände und der Putz fiel von der Decke. Sie kämpfte sich durch Gänge, bis die Luft dick vom Staub war. Das letzte Rums warf sie zu Boden. Als Zekiye sich erhob, sah sie ihr Abbild kurz in einem Spiegel aufblitzen. Beinahe hätte sie sich nicht mehr wieder erkannt. Das Haar hatte sich aus seinem aufwändigen Flechtwerk gelöst und hing strähnig und verschwitzt herunter. Ihre Kleider, die Hosen und Röcke waren zum Teil zerschlissen, an ihren Füßen waren Kratzer, einen Fußnagel hatte sie sich blutig eingerissen. Ihre schweißnasse Haut war vom feinen weiß-grauen Staub bedeckt. Vor ihren Füßen lag ein Haufen zerschlagener Steine. Dahinter klaffte ein riesiges Loch in der meterdicken Mauer. Zaghaft steckte sie ihren Kopf durch das Loch. Links und rechts verlief ewig weit die hohe Außenmauer des Palastes, über ihr die Zinnen und Wachtürme. Zekiyes Blick aber streifte über die unendliche Weite, die sich vor ihr erstreckte. Das Land fiel in grünen Wiesen soweit das Auge reichte sanft hinab. Unten glitzerte in der heißen Mittagssonne die Stadt der Städte und durch sie zog sich träge der Fluss, bis er sich in die tiefblaue Bucht ergoss. Aus weiter Ferne hörte Zekiye unmissverständlich den Gong, der zum Mittagsmahl rief.



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