agata góralczyk : texte

Årsgång (1)

Bente saß am kleinen Küchenfenster und schaute dem Schein der Laterne hinterher, wie er sich am Abend im Herbstnebel verlor. Auf dem Tisch dampfte ihr Tee und in der Hand hielt sie einen grauen Umschlag. Sie schob die Lesebrille, die ihr immerzu von der Nase rutschte, ein Stückchen weiter nach oben. Sie hatte schon gewusst, was in dem Umschlag sein würde, als sie Theis mit seiner gelben Posttasche von Weitem unterhalb der Düne gesehen hatte. Er hatte sein schweres Rad den schmalen Weg zum Leuchtturm hoch geschoben und ihr mit seinem üblichen Lächeln den Brief in die Hand gedrückt:

“Moin. Is’ wohl was Amtliches.”

Jetzt, mit der dampfenden Tasse gewappnet, öffnete Bente den Umschlag in aller Ruhe. Sie faltete das maschinenbeschriebene Blatt säuberlich auf. Oben drüber stand in dicken schwarzen Buchstaben, die sie auch fast ohne Brille hätte lesen können: Rentenbescheid. Ihre Tage waren gezählt. Die des Leuchtturms auch. Eine Nachfolge war nicht geklärt. Ob das alte Ding überhaupt noch betrieben werden würde? Mit all der Technik heute brauchte anscheinend keiner mehr ihre Arbeit oder ihr Licht. Jetzt war es amtlich und sie hatte immer noch keine Ahnung, was sie machen und wo sie hin sollte.

Als nach einem langen Abend voller dunkler Gedanken die Küchenuhr endlich Mitternacht schlug, zog sich Bente ihre gefüt­terte Jacke und die dicken Stiefel an und machte sich auf den Weg. Vor langer Zeit hatte sie einmal von einem alten nordischen Brauch gelesen. Einem Brauch, um die Zukunft vorherzusagen: dem Årsgång. Der Überlieferung nach konnte eine Mutige in ei­ner bedeutsamen Nacht den Årsgång unternehmen. Im Verlauf des Abends war ihr klar geworden: Sie, Bente, war dafür prädesti­niert. Sich in einem dunklen Raum einzuschließen, ohne mit je­mandem zu sprechen – das tat sie sowieso fast jeden Abend. Sie durfte nur die Laterne nicht mehr anmachen. Ohne Essen oder Trinken würde sie auch eine Nacht lang auskommen.

Ihr erstes Ziel sollte eine Kirche sein. Die evangelisch-lutherische Kirche lag drei Dörfer und damit 30km weit von ihrem Leuchtturm entfernt. Mit dem Fahrrad und bei dem Wind, der gerade aufzog, würde sie aber die Hälfte der Nacht für die Fahrt benötigen und wer weiß, ob sie auf dem unbeleuchteten Deichweg überhaupt irgendwo ankäme. Für einen kurzen Moment hatte sie die Idee, ihre alte Möhre aus dem Schuppen zu bewegen. Ein wenig Benzin schlabberte noch im Tank herum. Bis zur Dorfkirche würde sie es wahrscheinlich noch schaffen. Aber so ganz ohne Licht bei Nacht und Nebel auf der Landstraße unterwegs zu sein. Da konnte sie sich auch direkt vom Leuchtturm runter stürzen. Missmutig stiefelte sie in ihrer Kammer im Turm herum. Im Dunkeln starrte sie aus dem Fenster auf die vom Wind gepeitschte See. Je wilder es draußen zuging, desto mehr kam sie im Inneren zur Ruhe. Als der Wind die Wolken über den Himmel trieb, strahlte der volle Mond kurz in den Turm hinein. Ihr Blick fiel auf die alte Karte an der Wand. Die hatte sie einst bei der Ge­schäftsauflösung eines Krimskramshändlers mitgenommen. Die Karte zeigte in einem alten Stich die Gegend um die Landzunge hier. Der Rand war ausgerissen und die Jahreszahl nicht zu erken­nen. Was Bente aber durchaus erkennen konnte, waren die vielen kleinen Kreuze, die auf der Karte eingezeichnet waren. Natürlich! Die alten Klöster. Wo ein Kloster war, da war auch eine Kirche. Nicht nur das: Die katholischen Klöster waren auf geweihtem Boden errichtet worden. Perfekt für ein altes heidnisches Ritual.

Fortsetzung folgt…

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