agata góralczyk : texte

Årsgång (2)

Bente schwang sich auf ihren Drahtesel. Bis zum Vehner Klosterstein waren es nur wenige Kilometer. Bis­her war sie immer nur bei Tag hier gewesen. Jetzt in der Nacht und ohne Licht musste sie Acht geben, die Einfahrt zur Holz­brücke nicht zu verpassen. Die Reifen rutschten auf den nassen Bohlen. Das Tretlager quietschte gespenstisch und über dem Fehnkanal waberte der Nebel. Den Weg zur Klosterruine kannte sie gut. Auch wenn jetzt im Dunkeln alles irgendwie anders aus­sah. Die blattlosen Bäume reckten ihre knorrigen Arme wie im Schrei in den wolkenschweren Himmel. Im Unterholz raschelte es unentwegt. Von irgendwo hörte sie Knurren und Grunzen. Ein Käuzchen rief in der Nacht. Bente fröstelte es. Plötzlich kam sie mit einer Vollbremsung zum Stehen. Beinahe hätte ihr Års­gång ein vorschnelles Ende gefunden: Mitten auf dem Weg lag ein dicker Ast. Der gestrige Sturm musste ihn abgerissen haben. An eine Weiterfahrt mit dem Rad war nicht zu denken. Sie sah das als ein Zeichen: Es war schließlich ein Års-GÅNG und keine Fahrt. Sie stellte ihr Rad ab und stiefelte über den Baumstamm und dann durchs nasse Gras zum Kloster.

Von dem alten katholischen Kloster war schon lange nichts mehr als ein Klosterstein liegen geblieben. Manchmal trieben sich auch Leute von der Uni hier herum und buddelten in der alten Erde. Als Bente schließlich mit nassen Stiefeln auf der Lichtung ankam, riss die Wolkendecke kurz auf und sie beeilte sich das Mondlicht zu nutzen, um auf ihren Spickzettel zu gucken:
Dreimal um die Kirche gegen den Uhrzeigersinn gehen und anschließend in das Schlüsselloch pusten. Sie kratzte sich unschlüssig am Kopf. Hier stand seit 400 Jahren keine Kirche mehr, von einem Schlüsselloch gar nicht zu sprechen. Vielleicht sollte sie den Unsinn aufgeben, nach Hause radeln und ins Bett gehen? Es war kalt, nass, nebelig und überhaupt: Was machte sie alte Frau hier nachts im Venn? Und was dann? Im Stillen auf die Rente war­ten? Nein. Sie würde sich von den alten Religionskriegen nicht ihren Årsgång vermiesen lassen. Sie musste einfach nur die alten Fundamente finden. Wo waren die nur gewesen? Sie stolperte durch das hohe Gras und über die Maulwurfshügel zur kurzen Seite der Lichtung, als ihr rechter Stiefel gegen etwas Hartes stieß. Da! Ein paar Ziegel, alter Mörtel. Hier war die alte Mauer gewe­sen. Bente tastete sich an den Steinen entlang. Immer schön ge­gen den Uhrzeigersinn. Nach der ersten Umrundung musste sie nur noch ihren eigenen Spuren im zertrampelten Gras folgen.

Einmal, zweimal, dreimal war sie nun um die ehemalige Stiftskirche gegangen, als sich ihr Fuß in irgendetwas verfing und sie mit einem lauten Scheppern auf den Hosenboden fiel. Den Krach konnte man bestimmt bis in den Ort hinein hören. In was zum Teufel war sie denn da reingetreten? Sie versuchte ihren Fuß aus dem alten, rostigen Metall zu befreien. Sie zog den knirschen­den Schrott ein Stück weiter in den Mondschein und traute ihren Augen kaum. Ein paar rostige Stäbe, ein Griff und ein quadrati­scher Metallkasten mit einem Loch: Sie war über ein Schloss, ein Schloss mit Schlüsselloch, gestolpert. Bente wurde es ein wenig mulmig. Das mit dem Årsgång war doch alles nur Humbug. Sie wollte sich doch nur von dem blöden grauen Umschlag ein wenig ablenken. Allerdings hatte sie auch gelesen, das der Årsgång ge­fährlich war. Dass nicht jeder Årsgänger wieder lebend zurück­kam. Bente fröstelte es wieder. Der Nebel hatte sich in Nieselre­gen verwandelt. Ihre Hose war nass. Es war kurz nach Mitter­nacht. Jetzt oder nie, dachte sie sich. Sie beugte sich zu dem Schloss herunter und blies kräftig in das alte, verrostete Schlüssel­loch. Dem Brauch nach blies sie damit ihren Christenglauben da­von und machte den Weg für das Übernatürliche frei.

Eine dichte Rostwolke erhob sich und ein heftiger Husten­anfall erfasste Bente. Der alte Staub drohte sie zu ersticken, da er­starkte der Wind und brachte einen Atemzug frischer Luft mit sich. Eine Bö trieb die Wolken vor den Mond. Es wurde dunkel und kalt. Ein eiskalter Regenschauer ging über ihr nieder. Sie ver­suchte aufzustehen, verfing sich wieder in dem alten Rost und stolperte. Mit nach vorne ausgestreckten Armen fing sie sich ab und landete auf etwas Hartem. Warum hatte sie keine Taschen­lampe mitgenommen, sie dummes Weib? Der Stein unter ihren Händen war grob und flach. Eine riesige Scheibe mit regelmäßi­gen Erhebungen. Wo kam der überhaupt her? Hatte sie schon derart die Orientierung verloren?

Als die Wolken sich wieder teilten und der Mond die Lichtung beschien, sah Bente, dass sie auf einem Hügel am anderen Ende der Lichtung stand. Irgendetwas stimmte hier nicht. Andererseits war sie vielleicht einfach nur übernervös. Von dem ganzen Gerede vom Übernatürlichen. Die große Steinplatte war der Klosterstein. Der gehörte doch gar nicht hierhin. Spielten Mond und Nacht ihren alten, müden Augen einfach einen Trick? Bente blickte auf die vor Jahrhunderten in den Stein gemeißelten Gestalten: ein Pferd, ein Wesen mit Zweigen, ein Vogel, ein Schwein und ein Ziegenbock. Eine bäuerliche Szene. Ein Donner ging über der Lichtung, der Mond verschwand wieder. Sie schaute sich um. Zum wiederholten Mal bereute sie, keine Taschenlampe mitgebracht zu haben. Allerdings hieß es in der Anweisung für den Årsgång ganz klar: kein Licht. Als dann Blitze immer wieder den Himmel durchzogen, erhaschte sie kurze Blicke auf ihre Umgebung. Sie musste sich eines eingestehen: Sie hatte keine Ahnung, wo sie hier war.

Alles war dunkel und nass, die Lichtung mal riesig, mal klitzeklein. Immer wieder tauchte ein großer, uralt knorriger Baum im Licht der Gewitterblitze auf, den es hier eigentlich gar nicht geben durfte. Der Wind heulte, als klagten tausend alte Weiber in dieser Nacht. Das Geräusch ging ihr jedes Mal durch Mark und Bein. Als die Blitze endlich nachließen und das Donnern weiter weg zog, nahm das Gewitter die schweren Wolken und den Regen mit sich und Bente saß immer noch verfroren und verängstigt auf dem kleinen Hügel mit dem runden Stein. Von hier aus führte ein matschiger Pfad zwischen den Bäumen. Der war vorher garantiert nicht hier gewesen.

Fortsetzung folgt

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