agata góralczyk : texte

Årsgång (3)

Der Pfad wand sich immer tiefer in eine durchnässte Senke hinunter. Irgendwo hörte Bente Wasser sickern. Der feuchte Nebel stand hier hoch. Ein Wiehern, wie von einem Pferd drang zu ihr rüber. Um die Uhrzeit waren doch keine Reiter unterwegs. Je weiter sie sich vortastete, desto lauter wurde das Wiehern und langsam mischten sich auch andere Stimmen darunter: Lachen und Singen. Helle, junge Stimmen sangen dort einen Reigen. Bente wurde immer schneller. Irgendwoher kannte sie eine der Stimmen. Auf einmal trat ihr Fuß ins Leere. Mit einem Aufschrei krallte sie sich in dicke Wurzeln und rutschte ein paar Meter runter. Ihr Herz raste, irgendetwas Nasses klebte in ihrem Gesicht. Sie verfiel kurz in Panik und fing sich wieder auf. Sie versuchte ihren Atem zu beruhigen und sich irgendwie zu orientieren. Ein Rinnsal ergoss sich hier aus der Senke in einen größeren Bach, der jetzt nach dem starken Regen über die Ufer getreten war und die Marsch drumherum in einen Sumpf verwandelt hatte. Bente schluckte: Dort unten schritten Kinder mit ihren kleinen Schühchen durch den Schlamm. Zu fünft hielten sie sich an den Händen und tanzten im Kreis. Ver­suchten es zumindest, denn aus dem Rinnsal kam immer mehr Wasser geflossen und stieg immer weiter. Bald würden die Kinder bis zu den Knien im Wasser stehen. Verräterisch wie die Flut be­drängte das Wasser die kleine Gruppe.

“Ihr müsst da weg! Das Wasser steigt!”

Die Kinder hörten sie gar nicht, sie drehten sich weiter im Kreis, egal wie laut sie auch schrie. Nur eines der Mädchen in einem weißen Häubchen und einem Blumenkittel schaute zu ihr auf. Es lächelte und Bente gefror das Blut in den Adern. Ihr wurde übel. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Bente hatte ihre Kleine doch vor über 40 Jahren zu Grabe getragen. Das war Hilka, die sich dort im immer höher steigendem Wasser im Kreis drehte! Bente ließ die Wurzel los. Sie musste da runter. Sie musste zu ihrem Liebling. Auf dem Hosenboden und den Händen am Hang rutschte sie unter Schluchzen und Flehen den Abhang herunter. Wie hatte sie ihre Kleine all die Jahre vermisst. Ihre Schuhe waren voller Wasser, die Hose matschig und sie schnitt sich die Hände an Wurzeln auf. Sie achtete nicht darauf. Wie eine Besessene wollte sie einfach nur runter.

Nur einmal in ihrem bisherigen Leben hatte Bente es so eilig gehabt. Damals, als sie mit dem kleinen Leichnam im Arm ins Watt lief, ins Wasser. Dass Gott auch sie holen würde. Gott woll­te sie nicht. Damals nicht und jetzt auch nicht. Sie verfing sich in Zweigen, Ästen und Morast. Sie fiel, strauchelte und kam doch nicht voran. Es war wie damals vor so vielen Jahren: Je mehr sie sich abstrampelte, desto mehr hing sie fest. In ihrer Verzweiflung schrie sie, verfluchte Gott und heulte. Sie kratzte an den Steinen und der Erde. Alles umsonst: Die Kinder tanzten weiter ihren sorglosen Reigen. Nur ihr kleines Mädchen, nur Hilka, schaute ihr immer wieder fragend in die Augen.

Der kalte Nebel verdichtete sich, da sah Bente den weißen Schemen. Erst gänzlich unscheinbar wie ein Nebelschleier, dann immer stärker formten sich die weißen Schwaden zu einer festen Form. Von Weitem hörte sie wieder das Wiehern und bald stieg aus dem Weiß ein prächtiges Ross. Verspielt und fröhlich sprang es herum und lief zu den Kindern. Die Kinder liefen eins ums an­dere auf das weiße Pferd zu. Während sie versuchten auf das Pferd zu klettern, schaute es Bente an und entblößte seine Zähne. Seine langen, gelben Zähne, gebogen wie Hauer. Nun sah sie durch die Tränen in ihren Augen auch, dass die Hauer in einem toten Kiefer steckten. Haut und Augäpfel traten zurück und Bente erkannte, dass das Pferd in Wirklichkeit tot war, ein Kno­chengerippe in dem Schleier des Nebels. Sie wusste, dass es nichts nützte. Trotzdem rief sie zu den Kindern, schrie sich die Seele aus der Brust. Die Kinder kletterten eines ums andere auf den Rücken des toten Tieres. Jedes einzelne warf ihr noch einen stummen Blick zu. Als das erste Kind sich zu ihr umdrehte, sah sie, dass es ganz blau und aufgedunsen im Gesicht war. Das zwei­te, der kleine Junge mit den kurzen Hosen, hatte keine Augen, nur silbrige Fische tanzten in den leeren Augenhöhlen. Als letztes drehte sich ihre kleine Hilka zu ihr um und winkte mit ihrer klei­nen Skeletthand.

“Auf bald, Mami. Gute Reise, Mami.”

Das weiße Pferde stakte langsam mit den fünf Kindern auf dem Rücken in den Sumpf hinein. Erst versanken seine Fesseln im Wasser, dann die Beine. Bald stand ihm das Wasser bis zum Bauch. Als die Füße der Kleinen in den Sumpf gezogen wurden, klagten sie:

“Mir ist so kalt, Mami. Hol mich hier weg, Mami. Mami, wo bist Du?”

Bente aber konnte nichts tun. Ihre Beine waren von Was­serpflanzen gefangen, ihre Arme gehorchten ihr nicht. Wie be­täubt stand sie da, mit einer Trauer in ihren alten Knochen, wie sie sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte, und sah wie das Pferd immer tiefer ins Wasser stieg und die Kinder mit sich nahm. Bis ihre kleinen Stimmchen im Wasser verstummten. Kurz darauf verschwand auch das Pferd. Im Wasser des Baches trieb ein klei­nes weißes Häubchen an Bente vorbei.

Als die Wasserpflanze sie endlich frei ließ, ließ sie sich auf einen Baumstumpf fallen und versteckte ihr Gesicht in ihren al­ten, rauen Händen. Als hätte sie nicht schon genug Tränen ver­gossen. Nie würde sie sich verzeihen, damals nicht genug aufge­passt zu haben. Nie würde sie Hilkas Gesicht vergessen und nicht den Tag, an dem Klaas Everts ihr den kleinen leblosen Körper auf dem Schlickschlitten ins Haus brachte. Was auch immer die Zu­kunft bringen würde. Das würde sie niemals vergessen. Ihren Lebtag lang nicht.

Fortsetzung folgt…

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