agata góralczyk : texte

Årsgång (4)

Ein heftiger Regenguss weckte Bente aus ihren tristen Erinnerungen. Mit einer enormen Kraftanstren­gung riss sie erst das eine, dann das andere Bein aus dem Schlamm und setzte sich langsam in Bewegung. Sie schüttelte den Kopf. Sie war sich nun sicher, dass ihr Årsgång begonnen hatte. Was sie aus ihrer Vergangenheit in ihre Zukunft – egal wie diese sein mochte – mitnehmen würde, das hatte sie nun gesehen. Sie mühte sich mit matschverklumpten Stiefeln aus dem Schlamm hinaus und ging auf die andere Seite des Bachs hinüber. Wohin sollte sie jetzt gehen? Nach ihrem Gewaltmarsch durch die Senke war sie nicht nur entkräftet. Sie hatte auch die Orientierung gänz­lich verloren. Am Ende war es wohl egal, wohin sie ging. Haupt­sache sie stolperte nicht verwirrt in irgendeinen Düker. Also ging sei einfach los. Nach links, dorthin, wo die kleine Wiese in Büsche und Hecken überging. Sie erhoffte sich etwas weniger Wasser, et­was weniger Matsch. Die Hecken hier waren wild. Ranken ver­fingen sich in ihrer Kleidung und hinterließen Kratzer auf ihrer Haut. Der Boden unter ihren Füßen aber war fest. Er gab ihr Kraft. Langsam wurden die Hecken weniger. Kleine Setzlinge streckten sich gen Himmel, junge Bäume strotzten nur so vor Le­ben. Auch Bente gewann ihre Energie wieder. Statt entkräftete einen Fuß vor den anderen zu schleppen, schaute sie sich auf­merksam um.

Sie stand mitten in einem Hain junger Birken. Die zarten, herbstlich blattlosen Zweige flirrten im Mondenschein und die gespenstisch weiße Borke schimmerte silbern. Wie alte Haut fiel der Schwermut von ihr und ihre übliche Neugierde trieb sie wie­der voran. Bald gaben die jungen Bäume die Sicht auf eine Erhe­bung frei, auf der ein großer, alter, knorriger Baum wuchs. Wie aus großem Respekt heraus hielten die jungen Bäume Abstand von dem alten in ihrer Mitte. Bente hatte wenig Ahnung von Bäumen. Sie bediente einen Leuchtturm, da kamen Bäume höchstens in Form von Treibgut oder Schiffsplanken vorbei. Al­lerdings sah sie am Fuße des Baumes etwas lehnen. Oder besser gesagt jemanden. An den Baum gelehnt schlief ein junger Mann. Sein dunkles Haar hing ihm in langen, nassen Strähnen bis auf die Brust herunter. Das helle Gesicht wirkte so friedlich. Wie jung mochte der sein? So jung, dass Bente es nicht einmal zu schätzen vermochte. War sie auch einst so jung gewesen? So jung, dass sie sich heute nicht mehr daran erinnern konnte, wie es war, so jung zu sein? Sie ließ sich Zeit und schaute ihn genauer an. Er trug eine fest Arbeitshose und eine Regenjacke, dicke Stiefel. Was machte der hier mitten in der Nacht? Andererseits stapfte sie auch planlos durch die Gegend. Vielleicht wusste er, wo sie war und wie es weiter ging. Plötzlich öffnete er seine Augen. Wie dunkle Kohle schimmerten sie ihr entgegen. Bente erschrak ein wenig. Sie hatte nicht mit so viel Schönheit gerechnet.
“Hm… Oh! Ich bin ja eingeschlafen.”
Er räkelte sich verschlafen, streckte die langen Arme anmutig wie die Birken ihre Zweige gen Himmel und richtete sich voller Anmut auf.

Zwar kam sie sich ein wenig albern vor. Dennoch nahmen ihre Augen alles um den Jungen gierig wie ein Schwamm auf. Wie durch ein Wunder hatte er unter dem Baum den einzig tro­ckenen Platz in diesem Hain gefunden. Seine Hose war trocken geblieben, dachte Bente neidisch. Das erste Mal seit ihrem Auf­bruch schaute sie an sich selbst herunter. Sie bot einen jämmerli­chen Anblick: Ihre Schuhe waren durchgeweicht und voller Schlamm. Die Strümpfe waren klatschnass. Sie fühlte, wie das Wasser in den Schuhen stand. Ihre Hose war komplett mit Dreck verschmiert. Sie guckte sich ungelenk nach hinten um, um festzu­stellen, dass ihr Hosenboden schwarz vor Dreck stierte. Ihre Jacke sah auch nicht besser aus. Ihre Haare waren nass, strähnig und völlig wirr. Wie ihr Gesicht aussah, wollte sie sich lieber nicht aus­malen. Sie sah aus, wie diese Obdachlosen, die sie manchmal in der Stadt gesehen hatte.

Der junge Mann, auf den sie schielte, war nun aufgestanden, hatte sich anscheinend genug geräkelt und lächelte sie an. Als wäre das Auftauchen einer irren Alten im Wald mitten in der Nacht etwas völlig Alltägliches. Sein schlanker und weicher Bauch war ihr nicht entgangen. Wie der sich wohl anfühlte? Wenn sie so an ihren Bauch dachte. Sie schüttelte den Gedanken ab. Was machte sie hier? Jungen Männern auf den Bauch schie­len? Sie war doch nun wirklich aus dem Alter raus. Dachte sie je­denfalls und kam nicht umhin festzustellen, dass sie ihn immer noch anstarrte.
“Wissen Sie vielleicht wo wir hier sind?”, fragte er ganz unschuldig.
Als wenn er sich seiner Zartheit nicht bewusst wäre. Bente hatte natürlich keine Ahnung. Sie war durchgefroren, es war dunkel und kalt und ihr taten alle Knochen weh. Neidisch stierte sie wieder auf den Jüngling. Wie der so ohne Mühen aufstehen und wieder flott sein konnte. Sie mit ihren alten Knochen.
“Sie wirken so, als wüssten Sie auch nicht, wo wir sind. Oder?”
Bente schüttelte den Kopf. Sie hatte es bisher noch nicht geschafft auch nur ein Wort rauszubringen. Irgendwie fühlte sie sich auf einmal ganz verlegen. Sie, Bente, die knorrige Alte aus dem Leuchtturm.
“Wir sollten vielleicht gemeinsam nach dem Weg suchen? Ich heiße Huldra,” sagte der Junge und streckte seine Hand aus.
“Bente,” murmelte sie undeutlich und wusste immer noch nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.
“Ich gehe mal hier den Pfad lang und dann schauen wir weiter,” sagte Huldra unberührt von ihrer Einsilbigkeit.

Mit einem zuversichtlichen Lächeln schritt er von der Lich­tung in den Birkenhain hinein. Bente folgte ihm. Widerwillig zwar. Ein wenig auch, weil sie selbst nicht weiter wusste. Huldra ging langsam und bedächtig durch den Wald. Er bückte sich im­mer wieder unter einem Strauch und hielt für sie die Zweige zur Seite. Er wies sie auf matschige Stellen hin. Bente war gar nicht nach so viel Freundlichkeit zu mute. Andererseits musste sie bei all ihrer Verdrießlichkeit feststellen, dass sie ganz froh war, sich nicht mehr ganz alleine durch den Wald schlagen zu müssen. Auf jeden Fall nicht nach der Erfahrung mit dem weißen Pferd. Sie schüttelte sich bei der Erinnerung an das Biest.
“Alles in Ordnung?”
Als hätte er irgendetwas geahnt, blieb Huldra stehen und schaute sich nach ihr um. Bente wiederum war so von irgendet­was gefesselt gewesen, dass sie fast in ihn hineingestolpert wäre.
“Nein, ja, ähm.”
Er sollte bloß weiter gehen. Dass er bloß in der Dunkelheit die Röte nicht sähe, die ihr ins Gesicht gestiegen war. Statt nämlich auf den Weg zu achten, waren Bentes Gedanken von dem schlimmen Pferd zu einem wesentlich angenehmeren Thema gewandert. Dem wohlgeformten Apfelpopo des jungen Mannes, der so frisch vor ihr daher schritt. Sie versuchte an anderes zu denken. Dennoch verfing sich ihr Blick wie vorher ihr Haar am Gestrüpp an seinem jungen Körper. An seinem federndem Gang, seinen geschmeidigen Bewegungen. An seiner mondhellen Haut, seinem Lächeln. Ihr stieg der Moment in Erinnerung, als sie seinen Bauch gesehen hatte. Das helle, zarte und doch so wohlgeformte Fleisch, das in einen Flaum am Hosenrand überging. Was war bloß mit ihr los? Sie musste wirklich schlimmer durcheinander sein, als sie glaubte. Huldras Stimme riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken.
“So, hier ist ein Weg und schauen Sie, da hinten scheint auch eine alte Hütte zu sein, ein Schuppen vielleicht.”

An den Weg zur Hütte konnte Bente sich im Nachhinein nicht mehr erinnern. Irgendwann waren sie einfach in dem Holz­haus, in dem es trocken und warm war. In dem trockenes Stroh lag. Dem Schuppen, in dem Huldra eine Petroleumlampe, wie sie sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, anzündete und in deren Schein sein Gesicht golden strahlte. Die Hütte, in der ihr alles so klein und gleichsam so endlos erschien. In der Huldra ihr mit sei­nen warmen Händen aus der nassen Kleidung half. In der sie zit­terte vor Kälte und Erregung. Die, in der er sich in seiner scham­losen Nacktheit auf dem Stroh räkelte und sie mit einer einzigen behutsamen Berührung zu sich einlud. In der Bente folgte und dort einen anderen Körper fand. Einen, den sie früher gekannt hatte. In ein Gesicht sah, das ihr so vertraut gewesen war. Das Ge­sicht eines Mannes, bei dem sie vor viel zu langer Zeit gelegen hat­te. Konrad. Konrad, der ihr der Himmel auf Erden gewesen und dann viel zu früh gestorben war. Konrad, der wie Hilka nur noch in ihren Träumen auftauchte und das nur zu selten. In dessen Ar­men sie wieder jung und ihre Zukunft grenzenlos war. Wie hatte sie sich nach ihm gesehnt. Nach einer einzigen Berührung, nach einem Blick, einem Lächeln. Wie sehr hatte sie seinen Duft ver­misst. Bente ließ sich fallen. Sie schaute in das Gesicht, das sie ge­kannt und auf den Körper, den sie begehrt hatte. Eine tiefe Trau­er erfasste sie. Huldras Haut wurde immer dunkler, immer rauer. Konrads Gesicht entschwand ihrem Blick. Hatte er wirklich so ausgesehen oder war das nur ein Foto gewesen? Ein Dorn riss einen Schmerz in ihre Erinnerung.

Da lag sie, nackt und verfroren auf nassem Stroh in einer zugigen Hütte und unter ihr ein paar Äste und Zweige. Trockenes Feuerholz, das unter ihrem Gewicht zerbröselte. Sie rappelte sich mühsam auf. So hatte sie sich diesen Årsgång nicht vorgestellt. Das war nicht ihre Zukunft. Das waren die Dämonen ihrer Vergangenheit. Davon hatte sie in ihrem Alter mehr als genug.

Fortsetzung folgt

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