agata góralczyk : texte

Årsgång (5)

Als Bente in ihrer klammen Kleidung zitternd die Hütte verließ, schimmerte der Mond wieder zwi­schen den Wolken über das weite Feld vor ihr. Sie konnte sich kaum mehr daran erinnern, wie sie hierher gekommen war. Mit Huldra, der Konrad war und dann doch nur Staub. Sie wusste nicht, wo sie war oder wie spät es war. Sie war verloren, irgendwo zwischen Marsch und Wald. Entmutigt schaute sie in die Ferne.


Von irgendwo weiter vorne hörte sie ein Krähen. Erst verein­zelt, dann immer mehr. Sie ging ein Stück in das dunkle Feld hin­ein. Dort sah sie die große Schar Krähenvögel. Sie hatten sich alle umgedreht und schauten in ihre Richtung. Als die Vögel dazu ansetzten, ihre Schwingen auszubreiten, erstarrte Bente. Es war wie ein stummes Spiel: Wer würde sich als erstes bewegen? Sie oder die Vogelmeute? Sie wollte gerade wieder einen Fuß vor den anderen setzen, als die Vögel alle aufstiegen und der ganze schwarze Schwarm auf sie zuflog. Bente duckte sich schnell unter diesem Ansturm und nahm die Hände schützend über ihren Kopf. Ein Schwall an Gestank kam ihr entgegen: von Verwesung und Moder. Federn strichen über ihr Gesicht und ihre Hände. Sie kauerte sich auf den Boden und versuchte ihre Haut zu bede­cken. Nur bloß keinen dieser Seuchenvögel berühren. Es stank bestialisch nach Exkrementen und Tod. Sie hockte auf dem Bo­den und jammerte. Der Ansturm war so plötzlich vorbei, wie er gekommen war. Als sie sich langsam aufrichtete, lagen um sie her­um überall tote Vögel. Schwarz und tot. Einige schon halb ver­west, anderen skelettiert, einige mit Beulen und Geschwüren. Sie musste sich auf der Stelle übergeben. Es wurde ihr schwindelig. Bloß nicht hinfallen, bloß nicht auf die toten Vögel fallen! Bente setzte sich in Bewegung, mit aller Kraft, die sie noch besaß. Sie rannte quer über das Feld, stolperte über die Vogelleichen und den Moder. Unter ihren Füßen zerplatzte das verwesende Fleisch, Knochen splitterten. Sie rannte, wie noch nie in ihrem Leben. Sie rannte, bis ihre Lunge nicht mehr konnte, bis ihre Beine unter ihr nachgaben, bis sie zusammenbrach. Sie übergab sich noch einmal und ließ sich mit letzter Kraft auf einen großen Stein am Feldrand fallen. War jetzt ihr Ende gekommen? Vielleicht war es jetzt so weit? Vielleicht war das ihr letzter Weg. Den Leuchtturm konnte man auch ohne sie betreiben. An der Landstraße gab es diese Ein­richtung. Sie fuhr da nie entlang, weil sie viel zu viel Angst davor hatte. Vielleicht wurde es einfach Zeit einzusehen, dass sie jetzt auch so weit war. Sie würde da bestimmt ein Zimmer bekom­men. Vielleicht konnte sie ein paar Möbel mitnehmen.

Das Gewitter hatte aufgehört. Himmel, war ihr kalt. Hier auf diesem Stein mitten im Nirgendwo würde sie sich nur den Tod holen. Schwerfällig erhob sie sich und richtete langsam ihren krummen Rücken auf. Der Schmerz durchzog alle Gelenke. Sie war einfach viel zu alt für… Ja, für alles. Sie wollte weg von hier. Von dem Wald, den toten Vögeln und all dem Elend der letzten Stunden. Wenn sie schon sterben sollte, dann doch lieber in ih­rem Turm. Ein feiner Nieselregen setzte ein. Als hätte die Nacht sich verschworen, schwanden damit all ihre Hoffnungen in nächster Zeit wieder trocken zu werden. Wenn sie schon nicht trocken wurde, konnte sie zumindest einen Schritt zulegen. Die matschigen Stiefel hingen noch schwerer als sonst an ihren mü­den Füßen. Sie wollte gar nicht erst wissen, wie sie aussah. Wahr­scheinlich wie eines dieser Waldmonster, die sie auf ihrem Års­gång hätte gesehen haben sollen: dreckig, zerkratzt, von den Haa­ren gar nicht erst zu sprechen. Wie so eine Furie wahrscheinlich. Eine Furie kurz vor der Berentung. Die Kraft so einer Furie, die hätte sie sich öfters Mal gewünscht. Aber jetzt? Wofür? Auf wen oder was hätte sie ihren wilden Zorn denn jetzt noch richten sollen. Auf den Leuchtturm? Die alten, vergilbten Fotos? Vielleicht den Postboten ab und an mal. Oder die Kinder, die immer im Sommer kamen und in den Leuchtturm wollten. Sommerurlauber – diese Pest. Ein Frösteln erinnerte sie allerdings wieder daran, dass es bis zum Sommer noch lange hin war. Sie wischte sich den Regen aus den Augen und blinzelte. Sie sah nachts auch so verdammt schlecht. Was für eine irrsinnige Idee war das denn gewesen mit diesem Årsgång. Sie, Bente, die alte Schreckschraube aus dem alten Leuchtturm mitten in der Nacht hier im Wald. Wahrscheinlich wurde sie einfach wunderlich auf die alten Jahre. Da vorne schimmerte aber etwas: eine graue Linie. Langsam schien die Dämmerung einzubrechen. Bald würde ein neuer Tag anfangen. Bente würde sich erstmal ins Bett legen und ausschlafen. Ihr Leuchtfeuer brauchte eh keine Sau.

Fortsetzung folgt

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