agata góralczyk : texte

Årsgång (6)

Die graue Linie wurde deutlicher und bald stand Bente vor einer halbhohen Mauer aus Naturstei­nen. Alt und überall von Moos bewachsen. Dahinter jede Menge Gestrüpp, irgendwelche Steine. Sie trat auf etwas Hartes. Ihr Fuß rutschte von einem großen, runden Stein ab. Bente bückte sich ächzend und zog den vermeintlichen Findling aus dem Gras: Ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen starrte ihr entgegen. Sie ließ das Ding fallen, als hätte sie sich die Hände dran verbrannt. Jetzt wusste sie auch, woran sie die Anordnung der Steine hinter der Mauer so ahnungsvoll erinnert hatte: Sie war auf einem alten verlassenen Friedhof. Das Gras stand hier hoch übers Knie. Sie sah in der Dämmerung die Umrisse der Steine immer besser. Ei­nige standen noch aufrecht. Große Steintafeln teilweise doppelt so groß wie sie selbst. Andere waren schief und krumm und lehn­ten sich an Bäume. Ganz andere waren gänzlich zerfallen, zerbrö­ckelt und zerstört. Die Schriften unleserlich. Weit und breit keine Kapelle. Wenn es da mal eine gegeben hatte, war die zusammen mit der Erinnerung an die Toten hier längst verschwunden. Sie hatte keine Ahnung, was das für ein Friedhof sein sollte. Sie war noch nie hier gewesen. Nach der Reformation und den Glau­benskriegen gab es hier in der Gegend aber zahlreiche verlassene Kirchen, Klöster und Friedhöfe. Sie hoffte auf der anderen Seite wieder einen Weg zu finden. Irgendwie wollte der Friedhof aber auch kein Ende nehmen. Immer tiefer und nerviger wurde das Gestrüpp, das Gras reichte ihr bis zur Hüfte. Die Dämmerung war schon etwas weiter vorangeschritten, trotzdem sah Bente nichts anderes als nur Äste und Steine.


Als sie sich mal wieder an wilden Ranken verfangen hatte, hörte Bente ein ungewohntes Geräusch. Bisher war alles Nieselre­gen und ihr Kampf gegen die aufdringliche Pflanzenwelt gewe­sen. Jetzt hörte sie aber ein Scharren und Grunzen. Was war das? Sie hatte für eine Nacht genug Irrsinn erlebt. Sie wollte nur noch nach Hause. Plötzlich drangen ein lautes Stampfen und ein Quie­ken zu ihr hinüber. Die glühroten Punkte sah sie im letzen Mo­ment noch aus dem Augenwinkel. Kaum hatte ihr Fluchtreflex reagiert, da kam das monströs große, grunzend quiekende Etwas auch schon auf sie zugedonnert. In letzter Sekunde schaltete ir­gendetwas tief in ihren unteren Hirnregionen und sie warf sich zur Seite in die Kletterranken. Ihr eh schon verdrecktes Gesicht wurde übelst zerkratzt. An ihrem rechten Bein spürte sie etwas vorbeistürmen und einen Schmerz wie vom Schnitt einer Klinge. Sie kam gar nicht dazu, ihre Blessuren zu bejammern, da hatte das glühende Leuchten mit einem boshaften Laut der Unzufrieden­heit halt gemacht und gewendet. Zwei Flammen loderten in ei­nem Berg aus Dunkelheit auf und Bente wusste, dass sie um ihr Leben fürchten musste. Das Monster brachte sich mit einem tie­fen Grunzen in Position und senkte den Schädel. Ihr wurde be­wusst, dass sie in diesem Gestrüpp feststeckte. Das Scharren wur­de lauter. Das Rot loderte heiß auf und tanzte in der Dunkelheit. Hatte es nicht geheißen, dass sie Prüfungen würde hinter sich bringen müssen? Das Wesen schlug noch ein Mal mit einem sei­ner Hufe auf und rannte los. Direkt auf Bente zu. Wie auf ein Zeichen löste sie sich aus ihrer Schreckstarre und tat das einzige, was ihr noch in den Sinn kam. Sie versuchte hoch zu klettern. Sie ertastete unter dem Gestrüpp einen Steinhaufen und stolperte mehr schlecht als recht nach oben. Ihr Fuß verdrehte sich schmerzhaft, doch das Monster stob an ihr vorbei und verpasste sie um Haaresbreite. Der Steinhaufen kam ins Wackeln. Bente spürte, wie die Steine unter ihr nachgaben. Ihre Füße fanden kei­nen Halt mehr. Sie griff mit letzter Kraft hoch und konnte sich nur noch mit Mühe festhalten. Sie hing mit den Beinen einen halben Meter über dem Boden und das elende Vieh machte, den Geräuschen nach zu urteilen, wieder kehrt. Oh Gott, mein lieber Gott. Sie war geliefert. In all der Panik hatte sie sich an einem Ast festgehalten und versuchte jetzt mit den Füßen Halt zu finden. Wie sie es dann schaffte, sich auf den Stein hochzuziehen war ihr ein Rätsel. Jetzt saß sie rittlings auf einer hohen, bröckeligen Steintafel, gute zwei Meter über dem Erdboden, zitterte am gan­zen Leib und keuchte wie eine Dampfmaschine. Was war das für eine hirnrissige Idee gewesen. Sie verfluchte sich, ihre Dummheit und dieses Biest. Ihr Knöchel tat weh, sie hatte sich bestimmt ir­gendwas verstaucht. Von unten hörte sie wieder das Schnauben. Das Vieh war noch nicht bereit aufzugeben. Am anderen Bein war die Hose aufgeschlitzt. Eine tiefe Schnittwunde ging quer über ihren Unterschenkel. Es blutete und tat höllisch weh. Das Biest da unten war nicht nur bösartig. Es wollte auch töten. Ihre Jacke war komplett hin. Für einen Moment konnte Bente nichts anderes als nur heulen. Wie war sie in diesen Mist geraten? Sie wollte doch gar nichts wirklich von der Zukunft. Sie würde in Rente gehen und gut war’s.
Ein harter Aufprall erschütterte den Stein unter ihr. Die Ta­fel zitterte und bröckelte. Das Monster war dabei ihren Sitzplatz zu forcieren. Bei der schieren Masse und dem Alter der Steintafel, wäre die wahrscheinlich bald pulverisiert. Wie hieß es nochmal in der Prophezeiung für den Årsgång: Anschließend würde sich das Übernatürliche zeigen, sie prüfen und ihr einen Einblick in das nächste Jahr erlauben. Einen Blick in ihre Vergangenheit hatte sie schon erhalten. Der Stein unter ihr würde nicht mehr lange den Angriffen des Biests standhalten können. Vielleicht war das aber auch ihr Ende hier? Immer noch besser als in das Heim an der Landstraße zu ziehen. Vielleicht hatte sie in ihrem Leben genug gesehen und konnte jetzt zu ihren Lieben zurück: zu Hilka und Konrad. Vielleicht war das die Zukunft, die vor ihr lag. Sie könnte es jetzt und hier beenden. Einfach runterspringen und sich von dem Monster mit seinen Hauern massakrieren lassen.
Als die Bestie mit einem erneuten Stoß den Stein gefährlich ins Wanken brachte und Bente fast ohne eigenes Dazutun ihr Ende gefunden hätte, erinnerte sie sich an den Anfang dieser Ge­schichte. Wollte sie jetzt wirklich unter den Hauern und Hufen eines Nachtdämons sterben? Sie war doch rausgegangen, um ihre Zukunft zu sehen. Zwischen dem Geäst über ihr sah sie, wie das Grau des Himmels den ersten hellen Streifen wich. Bald würde die Sonne aufgehen. Sie musste nur noch bis zum Sonnenauf­gang durchhalten. Eines Tages, in nicht allzu weiter Zukunft wür­de auch sie irgendwo auf einem Friedhof liegen. So viel Zeit blieb einem mit 65 nicht mehr. Wie würde das ein, so zu ruhen, im Frieden eines Grabes? Wie mochte das sein? Jahrhunderte später, wenn alle den Namen vergessen hatten, wenn die Inschriften auf den Grabsteinen unleserlich geworden waren, wenn man nur noch Knochen oder ganz zu Staub zerfallen war? Was kam da­nach? Bente wusste es nicht. Was sie aber wusste, war , dass die wenigen Jahre, die ihr blieben, ihre Jahre waren. Nicht Hilkas, nicht Konrads. Ihre paar Jahre, bevor sie selbst zu Staub würde. Unten hörte sie wieder das Trampeln der Schweinehufe, das Scharen im Unterholz, ein Riechen und Suchen. Der Dämon hatte noch nicht aufgegeben. Sie würde es auch nicht tun. Sie konnte warten. Das hatte sie in all den Jahren im Leuchtturm ge­lernt. Das Warten. Das Wachen und Warten.
Bente kauerte auf ihrem Stein und erzitterte immer wieder unter den donnernden Angriffen des Dämons. Sie atmete die feuchte Luft der Dämmerung in vollen Atemzügen ein. Sie lauschte dem Rascheln kleiner Tiere. Spürte ihre nasse Kleidung. Den Schmerz in ihrem verdrehten Knöchel und den in ihrer zer­schnittenen Wade. Sie spürte jeden Knochen und jeden Muskel. Sie spürte die Kratzer, die neben all den Falten ihr Gesicht durch­zogen. Sie fühlte das Haar, wie es ihr nass von Regen, Dreck und Schweiß am Kopf klebte. Sie schaute in das Grau um sich herum. Das Grau, das immer mehr Konturen bekam, das zu Bäumen, Steinen, Grüften wurde. Aus dem sich irgendwann die Schnitze­reien in den Steintafeln heraushoben. So kam der Morgen zu ihr, das Sonnenlicht, das durch die Baumwipfel reinsickerte und sich am anderen Ende des Totenackers zeigte. Bente raffte sich von ih­rem Sitz auf und kletterte herunter, sich dem neuen Tag zu stel­len. Der Regen hatte aufgehört, der Wind hatte die Wolken ver­trieben. Alles war nass und frisch. Die Erde um sie herum war aufgewühlt, geradezu durchgepflügt. Die Sträucher und das Gras waren teilweise versengt. Von dem Dämon aber war keine Spur. Manche Dinge musste man einfach abwarten. Langsam ging sie in Richtung der aufgehenden Sonne. Weiter im Osten begann ein Marschland, das heute völlig durchnässt sein würde. Sie wollte sich gerade auf den Weg in ihren Turm machen, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah. Sie schreckte auf. Sie hatte die­se Nacht schon genug Begegnungen gehabt.

Fortsetzung folgt

Ich suche dringend TestleserInnen. Leute, die Lust haben zu lesen und ihren Senf dazu zu geben. Je persönlicher, desto besser!

Wenn Dir dieser Text gefallen hat und Du Lust hast, mehr zu lesen und vor allem zu kommentieren, dann melde Dich bei mir: testleser [at] agatagoralczyk [punkt] de



Eine Antwort zu “Årsgång (6)”

Kommentar verfassen

noch mehr: rss | email | twitter