agata góralczyk : texte

Årsgång (7)

Bente duckte sich unter einen Strauch und versuchte zu spähen. Dort hinten, weiter links sah sie eine ge­bückte Gestalt, die langsam um eine bröckelige Mauer herum ging. Das unbekannte Wesen schien von ihr keine Notiz zu neh­men. Sie überlegte, ob sie das Wesen nicht einfach ignorieren und über den Friedhofsanger zu den Marschwiesen laufen sollte. An­dererseits kannte sie die Gegend hier gar nicht und so ein Rein­laufen in die Marsch war vielleicht nicht die klügste Idee. Mit al­len ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Tücke bewegte sie sich Meter für Meter zu einer weiter Vorne stehenden Gruft. Ir­gendjemand pfiff oder sang etwas. Jedenfalls hörte sie leise eine Melodie von hinter dem Gruftstein. Sie lugte vorsichtig um die Ecke. Da stand er, ein älterer Mann in einer dieser hässlichen “Funktionsjacken”, die Rentner heute allenthalben trugen. An den Füßen hatte er dicke, gefütterte Gummistiefel mit Fellrand oben. Auf dem Kopf trug er eine ausgebleichte Schildmütze. Er streckte sich gerade nach oben, und machte an den Sträuchern herum. Der Alte hatte einen kleinen Korb dabei, in den er ge­pflückte Beeren warf. Was der hier um die Uhrzeit machte? Ange­lich litten Rentner an Schlafstörungen. Vielleicht war das so ei­ner.

“Ist das nicht ein bisschen unbequem da hinter der Mauer für Sie?”

Meinte er sie? Andererseits, wen sollte er sonst…

“Jaja, ich meine schon Sie, junge Frau, da hinter der Gruft.”

So ganz unrecht hatte der nicht. Es war unbequem hier in der Hocke. Irgendwas kratzte sie auch am Rücken. Langsam streckte sich Bente. Nach dieser Nacht tat ihr der Rücken ganz ordentlich weh. Ein schweres Ächzen entfuhr ihr.

“Kommen Sie ruhig da raus. Ich beiße nicht. Sind eh die Dritten, da ist nicht mehr so viel mit kraftvoll zubeißen. Egal, was einem die Werbung erzählt.”

Bente musste schmunzeln. Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Haftcremes. Oh ja. Natürlich log die Werbung. Sie versuchte ein wenig den Dreck von ihren Klamotten herunterzuklopfen. Allerdings ohne großen Erfolg. Sie war zerschlissen und dreckig wie ein Wühlschwein. Bei dem Gedanken an das Friedhofsbiest… Zur Sicherheit guckte sie noch einmal in den Himmel. Die Sonne schien kraftvoll und hell. Von dem Biest war nichts zu erwarten. Sie strich sich mit der Hand ein wenig über das Gesicht und ver­suchte mit den Händen ihre Haar in Ordnung zu bringen. Ir­gendwie war sie noch nicht bereit, unter Menschen zu treten. Nicht nach so einer Nacht. Von hinter der Gruft hörte sie ein Pusten und Schlürfen.

“Hm, der Kaffe ist wirklich gut. Das beste an so einem Mor­gen.”

Kaffee?! Der spießige Rentner hatte Kaffe?! Bente spürte, dass sie für Kaffee, jetzt und sofort bereit wäre einen Mord zu be­gehen. In ihrem Alter machte das bestimmt nicht mehr so viel aus: lebenslänglich. Wenige Verpflichtungen, viel Zeit. Wie Ren­te. Jetzt roch es auch noch nach Kaffee. Sie straffte sich noch ein­mal und trat ein wenig unsicher hinter der Gruft hervor. Im wärmsten Sonnenschein saß der Rentner auf einem Mauerstück. Er hatte die Jacke ausgezogen. Darunter trug er so ein beige-braun-karriertes Flanellhemd. Unglaublich wie ein Mann in dem Alter sich so gehen lassen konnte. In der Hand hielt der Rentner einen roten Plastikbecher aus dem heißer Dampf entstieg. Er grinste sie unverschämt von über der Tasse an.

“Na, auch ein Käffchen? Gnädigste sehen aus, als wenn Sie einen gebrauchen könnten.”

Was erlaubte der sich? So würdevoll, wie ihr das nur mit ei­nem verdrehten Knöchel und sonstigen Andenken an diese Nacht möglich war, schritt sie langsam zur Mauer und setzte sie sich neben den Rentner. Wortlos füllte er seinen Becher neu auf und reichte ihr das schwarze, dampfende Getränk. Bente hatte noch nie in ihrem Leben einen solchen Kaffee getrunken. Die Welt um sie herum verschwand. Sie bestand nur noch aus Aroma und der sich in ihr ausbreitenden Wärme. Der Rentner war auch klug genug, sich still zu verhalten. Als sie wieder zu sich kam, schaute sie zu ihm herüber. Er hantierte in seinem Körbchen her­um und zauberte das zweite Wunder hervor: Apfelkuchen. Ob man für doppelten Mord sozusagen doppelt lebenslänglich be­kam? Einmal für Kaffee und einmal für Kuchen? Er aß das Stück genüsslich und betont langsam. Bente umklammerte den Kaffee­becher um nicht zu zittern. Der elende Rentner schmatzte ganz entspannt und wischte sich mit seinem karierten Hemdsärmel die Kuchenkrümel des Apfelkuchens aus der Mundecke.

“Auch ein Stück Kuchen zu dem Kaffee für die Dame?”

Sein Grinsen war derart unverschämt, dass Bente unter allen anderen Umständen den Kuchen abgelehnt hätte. Jetzt schnapp­te sie sich den Teller und verschlang den Kuchen in drei Bissen. Als sie mit vollen, runden Wangen so auf der Mauer saß, grinste der Rentner weiter und legte ein weiteres Kuchenstück nach. Nachdem sie so drei Stück Kuchen verschlungen hatte, lehnte sie sich einen Moment zurück.

“Haben Sie immer so einen Appetit?”, fragte der Rentner mit großer Verwunderung und immer noch frech grinsend.

“Oder liegt es an meinem Apfelkuchen?”

Bente musste ein wenig in sich rein lächeln. Nach so einer Nacht und so einem Apfelkuchen, da konnte man schonmal auch ein bisschen Lächeln.

“Gewöhnlich nicht. Aber das war keine gewöhnliche Nacht und auch kein gewöhnlicher Apfelkuchen.”

Sie mühte sich langsam auf und guckte den Rentner freund­lich an.

“Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn sie mit diesem Apfel­kuchen die Tage mal bei mir im Leuchtturm vorbeikämen. Ich muss den unbedingt mit Sahne drauf probieren.”

Dann drehte sie sich um, ließ den Rentner mit seinem Dau­erlächeln und dem spitzen Kinnbart hinter sich und humpelte zur Straße. Hatte sie sich verguckt oder hatte sein Grinsen wirk­lich etwas diabolisches? Die rötlichen Augen und die Haare, die aussahen, als könnten da Hörner drunter sein? Damit – beschloss Bente – würde sie sich später befassen. Wenn sie in Rente war und der Kerl mit dem Apfelkuchen vorbei kam. Sie musste nur die Sahne kalt stellen. Für alle Fälle.

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