agata góralczyk : texte

20.000 Meilen im Zettelkasten

Meine letzte Reise hat mich in Untiefen geführt, in denen einsame Informationen neben vermeitlichem Wissen unter Schnipseln aus Erinnerungen und ungeordneten Bildern gären. Ein sich ständig im Fluss befindliches Sammelsurium, in das immer wieder Neues geworfen und aus dem oft ubekannt Geglaubtes geangelt wird. Jedes Mal, wenn es angestoßen wird – durch neue Eindrücke oder die Suche nach schon einmal Erinnertem – setzen sich die vorhandenen Teilchen zu neuen Gebilden zusammen: der konstruierten Vergangenheit oder der kreierten Zukunft.

Untiefen

Kontext Cocktail

Während meiner Arbeit entstehen Skizzen, Fotos, Notizen, Zettel. Ich sammle Material, recherchiere, finde Zitate, lasse mich inspirieren. Je größer das Projekt und je mehr Projekte gleichzeitig, desto größer wird auch der Wust. Mit der Zeit verliere ich mich darin statt zu finden. Zwischen einzelnen Elementen gibt es Verbindungen, die sich erst in ihrem Kontext ergeben. Diese zu sehen und zu verfolgen, gehört mit zum wichtigsten Teil meiner Arbeit.

Ich wollte – nicht zum ersten Mal – eine Form finden, meine Materialien und Informationen abzulegen, dass ich sie nachher in einem passenden Kontext wieder finde.

Mir geht es dabei nicht darum, genau ein konkretes Dokument zu finden. Weder mein Denken noch meine Arbeit funktionieren so. Mit einem einzelnen Dokument kann ich nichts anfangen. Das regt nichts in meinem Kopf an. Das stößt keine weiteren Ideen und Gedanken, keine kollateralen Erinnerungen an.

Es ist für mich wesentlich wichtiger, ein System zu haben, das mir Elemente raussucht, die zu einem bestimmten Kontextfeld gehören. Ich brauche nicht einen Fund, sonder eine Kaleidoskop an Materialien, Ideen und Dingen, die alle irgendwie miteinander im Zusammenhang stehen.

Luhmanns Zettelkasten

Beim Rumwühlen im Internet bin ich dann auf Luhmanns Zettelkasten gestoßen. Die Idee dahinter: Außerhalb des eigenen Denkens ein “zweites Hirn” anzulegen. Ein System, mit dem man bei der gedanklichen und kreativen Arbeit interagieren kann.

Dafür hatte Niklas Luhmann Karteikarten benutzt. Der Zettelkasten speichert Ideen und Gedanken. Soweit so einfach. Das machten schon Steintafeln. Luhmann verlinkte seine Ideen aber. Daraus entstand dann mit der Zeit ein Netz aus Notizen und Ideen, miteinender verbunden, sich der Art, wie sein Geist dachte, lernte und arbeitete, anpassend.

Ich wollte so einen Zettelkasten haben. Modern, digital. Im ZettelkastenBlog hatten sich Leute erfreulicherweise schon ganz viele Gedanken dazu gemacht, was das System braucht.

Zwei Grundfunktionen: dauerhafte Speicherung und wachsende, adaptive Vernetzung. Die digitale Umsetzung hat drei Bestandteile: Inbox, Referenz, Archiv.

Im Zeitalter billigen digitalen Speichers kann ich mehr Daten abspeichern, als ich je wieder werde rückholen wollen. Auch die Indexierung von Volltexten ist heute mit entsprechender Software kein Thema mehr. Links und Vernetzung haben wir ständig, mehr als wir verkraften können, im Internet.

Systeme und Ansprüche

Ich wollte aber mein System haben, dass sich an mein Gehirn und meine Arbeitsweise anpasst.

Zuerst wollte ich alle meine Materialien, Quellen, Referenzen, Ideen, Dokumente, Informationen jedweder Art, die zu meiner Projektarbeit gehören, irgendwo ablegen können. An einer Stelle. Manche Menschen haben lieber spezialisierte Software für verschiedene Dinge. Ich wollte meinen Projektkram an einer Stelle.

Dann wollte ich eine ubiquitäre Inbox. Ich kann nicht mit mehreren Quellen an Dateneingang arbeiten. Keine Chance, dass ich den Überblick behalte. Ich kann mich disziplinieren zwei Eingangswege einzuhalten: einen digital, einen analog. Mehr ist einfach illusorisch.

Ich mag keine komplexen Programme mit tausend Features. Ich schreibe meine Texte nicht mit Word, code nicht in riesigen IDEs. Der Großteil meiner Arbeit findet entweder im Kopf, auf Papier oder in simplen Texteditoren statt.

Ich wollte möglichst einfache Dateiformate, mit denen ich auch in zehn Jahren problemlos werde arbeiten können: txt, jpg, pdf. Die Dateien sollten auch alle im normalen Dateisystem abgelegt werden und nicht irgendwo in den untiefen einer Datenbank, die erst einen komplexen Export nötig macht.

Jedes Dokument musste mit jedem anderen unkompliziert, manuell verlinkbar sein. Schließlich erhält der Zettelkasten seinen Mehrwert erst durch diese Verknüpfungen, auf die man dann mit der Zeit stößt. Damit das funktioniert, musste auch jedes Dokument eine eigene UUID erhalten – eine eindeutige Kennzeichnung, die ein Dokument immer auffindbar macht.

Verknüpfende Technik

Nach einer gewissen Zeit kristallisierte sich für mich als technische Umsetzung eine Software heraus, die ich schon seit längerer Zeit zum Ablegen verschiedener Dokumente benutze – DEVONthink (im weiteren DT). Sie erfüllt alle meine obigen Voraussetzungen und bringt zudem noch ein Feature mit sich, dass meiner Obsession nach Verknüpfungen sehr entgegen kommt.

Die Software indexiert die Inhalte der in ihr abgelegten Dokumente und vergleicht diese Inhalte miteinander. Treten bestimmte Begriffe, Ausdrücke, etc. gehäuft in verschiedenen Dokumenten auf, werden diese als “verwandt” angezeigt.

Diese Funktion ersetzt in keinster Weise die manuelle Verlinkung der einzelnen Dokumente. Sie ist mehr eine Erweiterung des Kontextfeldes und liefert oft unerwartet interessante Ergebnisse, die zu neuen Ideen und damit wieder neuen, manuell gesetzten Links führen.

Phasen und Fluss

Neben dem Experimentieren mit einer für mich funktionierenden technischen Umsetzung und dem Schreiben von Skripten, die die technische Aspekte meiner Arbeitsweise erleichtern sollten, habe ich einen großen Teil meiner Zeit damit zugebracht, einen Prozess zu etablieren, der im Alltag funktioniert und den Zettelkasten in meine Arbeit integriert.

Ich habe diesen Prozess in drei Phasen unterteilt: Sammeln, Sichten, Einarbeiten. Jede Phase steht für sich alleine und hat ein anderes Ziel. Das erleichtert die geistige Arbeit ungemein, weil ich nicht ständig zwischen verschiedenen Modi wechseln muss.

Sammeln

Alles, was mir auf meinen “Reisen” begegnet, kommt in einen meiner Eingangskörbe: die digitale DT-Inbox oder analog in meinen Plastikkorb. Im ersten landen Bookmarks, Textstellen aus dem Internet, Dateien, digitale Bilder, etc. Im zweiteren Skizzen auf Papier, Notizen, usw.

Das Zeug landet dort relativ unreflektiert. Einzig die Herkunft des Gesammelten notiere ich mit.

Sichten

Sammeln ist immer auch Chaos. Sichten ist das Trennen. Will ich das überhaupt behalten? Soll das als Dokument behalten werden? Was ist das überhaupt? Wo gehört das hin?

Analoge Quellen und Materialien digitalisiere ich meistens. Ich scanne meine Skizzen, übertrage Notizen und Zitate aus Büchern.

Dokumente bekommen sprechende, aussagekräftige Namen. Ich prüfe das Format. So speichere ich Webseiten, deren Inhalt ich behalten will, nicht als Bookmarks, sondern wirklich als abgespeicherter Texte. Was weiß ich, wann die Domain oder der Text nicht mehr online zu finden sein werden.

Jedes Dokument, das behalten wird, versehe ich mit Datum und Herkunfsangabe. Wo kam das ursprünglich her? Woher ist dieses Zitat, diese Webseite, dieses Bild?

Anschließend verarbeitet meine Software mit den von mir programmierten Skripten die Dokumente weiter: räumt sie auf, bringt sie auf ein gewünschtes Format, versieht sie mit UUIDs.

Einarbeiten

Die beiden ersten Phasen des Prozesses dienen erst einmal der Speicherung von Materialien. Erst das Einarbeiten bringt den eigentlichen Mehrwert – die Vernetzung.

Ich schaue mir jedes Dokument noch einmal an. Ich formuliere notierte Gedanken und Ideen aus. Ich schaue nach einem größeren Kontext – auch mit der Funktion meiner Software – und arbeite sie in diesen ein. Ich versehe sie mit Links und Verweisen. Schließlich gruppiere ich sie zusammen in ihrem Kontextfeld. Das sind keine hierarchischen Kategorien, sondern mehr überlappende, teilweise mäandernde Felder.

Netz im Alltag

Mit der Zeit mache ich die interessantesten Entdeckungen. Mein Geist, das System und die vorhandenen Vernetzungen liefern immer wieder neue Materialien aus alter Ablage, die Felder erweitern oder neue Felder schaffen. Daraus entspringen oft neue Ideen, Ansätze für Projekte oder Verknüpfungen. Das System fruchtet.

Die Suche in diesem System wird mit der Zeit immer spannender. Ich finde Dinge neu, in neuem Kontext. Ich werde überrascht.



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